Die Rapper sind schuld!

Man soll nicht glauben, was im Internet steht, steht im Internet.

Edgar Wasser, Olympia Puke

HipHop kommt in der Berichterstattung häufig nicht gut weg. Wobei, wirklich über HipHop wird nur selten berichtet. Es geht in erster Linie um Rapper – besonders Gangsta- und Skandal-Rapper stehen regelmäßig im Fokus. Bei Sprachakrobaten dieses Genres kann man sich darauf verlassen, dass sie von Zeit zu Zeit für plumpe Schlagzeilen sorgen. Wenn es mal nicht so läuft mit der Karriere, werden radikal Prominente beleidigt oder völlig deplatzierte Nazi-Vergleiche gezogen – die Medien stürzen sich auf das Thema und schon dreht sich die Aufmerksamkeitsspirale.

Dieser Blog verfolgt keineswegs das Ziel, Rapper zu verteidigen und HipHop zu schützen. Solch eine defensive Haltung führt nur zu irreführenden Grundsatzdebatten über den sogenannten guten Geschmack. Vielmehr sollen die Beiträge das Facettenreichtum dieser Kultur aufzeigen, ohne an geeigneter Stelle mit Kritik zu sparen. Es geht sowohl um Tradition als auch neue Entwicklungen, um Vergangenes und Zukünftiges. HipHop wird dabei nicht auf Rap begrenzt, sondern umfasst die ursprünglichen vier Elemente (DJing, B-Boing, Graffiti-Writing, MCing) und aktuelle Trends.

Die Rapper Marteria (links) und Casper © magneticmeat
Die Rapper Marteria (links) und Casper. © magneticmeat

Rapper gegen Fremdenhass

Beim Gratiskonzert gegen Fremdenhass in Chemnitz traten neben anderen Musikern auch die Rapper von K.I.Z. sowie Marteria und Casper auf. Dieses Engagement von HipHop-Repräsentanten sollte eine Selbstverständlichkeit und keine Schlagzeile sein – denn der Kampf gegen Rassismus ist in der DNA der HipHop-Kultur fest verankert.

18 Verletzte, darunter drei Beamte. 37 registrierte Straftaten, unter anderem Körperverletzung und Sachbeschädigung. 8.000 Demonstranten aufseiten von AfD und Pegida, 3.000 Gegendemonstranten. Ein eindeutiges Kräfteverhältnis. Diese traurige Bilanz hat die Polizei Chemnitz laut ZEIT ONLINE nach den Ausschreitungen rechter Demonstranten am 1. September gezogen.

Der mediale Aufschrei war groß und sorgte dafür, dass sich am Sonntag rund tausend Bürger zu einer spontanen Versammlung unter dem Motto „Wir in Chemnitz – aufeinander hören, miteinander handeln“ versammelten. Ein starkes Zeichen nach einem Aufruf der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens. 

Wir sind mehr

Die Kirche blieb längst nicht die einzige Institution, die sich deutlich gegen Fremdenhass positionierte. Zahlreiche Politiker und Prominente meldeten sich zu Wort und selbst der Hochkommissar für Menschenrechte der Vereinten Nationen, Seid Ra’ad Al Hussein, zeigte sich schockiert. Die meiste Beachtung fand jedoch das kostenlose Konzert gegen Fremdenhass am Montag unter der Parole #wirsindmehr – ein Motto, das zum Programm wurde.

Rund 65.000 Gäste machten deutlich, dass Chemnitz nicht den Rechten überlassen wird. Die Stadt hat ebenfalls reagiert und zwei Gegenveranstaltungen am Montag verboten. Party statt Pegida. Und auf der Bühne engagierten sich neben Bands wie den Toten Hosen und Kraftklub auch die Rapper von K.I.Z. sowie Marteria und Casper für ein offenes und friedliches Miteinander.

Rapper stehen 2018 in einem schlechten Licht

Die deutliche Positionierung prominenter Gesichter der HipHop-Kultur ist deshalb so wichtig, weil sich Rap in Deutschland 2018 nach dem ECHO-Skandal mit dem Vorwurf der Verbreitung antisemitischen Gedankengutes konfrontiert sieht. Insbesondere die viel beachtete Dokumentation „Die dunkle Seite des deutschen Rap“ dürfte bei Szenefremden für Kopfschütteln gesorgt haben und eventuell schon zuvor vorhandene Animositäten gegenüber Rap verstärkt haben. Moment. Antisemitismus? Fremdenhass? Innerhalb der HipHop-Kultur? Da kann etwas nicht stimmen. Spulen wir ein wenig zurück …

HipHop-Kultur von Beginn an international

Die HipHop-Kultur entwickelte sich Ende der 1960er Jahre in der South Bronx, die zum „Inbegriff des Ghettos“ wurde. Geprägt war diese Gegend durch Arbeitslosigkeit, Verelendung und Kriminalisierung. In dieser trostlosen Umgebung wohnten nicht nur Afroamerikaner, sondern auch Juden und Lateinamerikaner sowie italienische, deutsche und irische Gemeinschaften. Der Stadtteil war durchweg international.

Die allgegenwärtige Langeweile setzte unter den Jugendlichen viele kreative Kräfte frei – die Geburtsstunde von HipHop. Prägend für diese Anfangszeit war das Ausklammern der Nationalität. Es ging nicht darum, woher man kommt, sondern darum, zu zeigen was man kann.

In Deutschland gibt es einige Parallelen bezüglich der Anfänge der Kultur. In den 1980er Jahren wurden besonders die Kinder mit Migrationshintergrund von HipHop angezogen. Mit Breakdance gab es plötzlich eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Herkunft, Status und Sprache spielten dabei keine Rolle. Jeder konnte und durfte mitmachen. Die HipHop-Kultur gab vielen dieser Jugendlichen eine neue Heimat, sie war sinnstiftend und bot eine alternative Form der Anerkennung.

Um diesen positiven Prozess zu fördern gab es in der sogenannten Alten Schule Aktivisten wie beispielsweise Torch, die die Ideen der von Afrika Bambaataa gegründeten Zulu Nation einbrachten – keine Gewalt, keine Drogen und Respekt vor anderen Menschen. Kurzum: Der Kampf gegen Rassismus gehörte und gehört zur DNA der HipHop-Kultur. Und viele Rapper propagieren diese Haltung auch heute noch in ihren Texten. 

Kampf gegen Rassismus sollte selbstverständlich sein

Aus diesem Grund sollte ein Engagement von Rappern gegen Fremdenhass nicht im Geringsten verwundern. Ganz im Gegenteil. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Denn es gehört zu den Grundpfeilern dieser Kultur, blind gegenüber Stempel wie Nation, Religion und Hautfarbe zu sein. Und obwohl manche Rapper dieses Credo vergessen zu haben scheinen, ist die Mehrheit der HipHop-Community weiterhin weltoffen und tolerant. #wirsindmehr