Je­der war schon
in New York!

Dass Reisen bildet wusste schon Goethe, doch wir wollen immer weiter, bald wird der Mond öde.

Stefan Burkard

Mit „Ich war noch nie­mals in New York“ be­sang Udo Jür­gens einst die Sehn­sucht des Prot­ago­nis­ten nach fer­nen Städ­ten und Aben­teu­ern. In un­se­rer glo­ba­li­sier­ten Welt ge­hö­ren Fern­rei­sen für vie­le Men­schen je­doch längst zum All­tag. Durch ein Aus­lands­stu­di­um, den Ur­laub oder Ge­schäfts­be­zie­hun­gen der Fir­ma. Vie­le ken­nen die­se Si­tua­ti­on im Freun­des­kreis: Man un­ter­hält sich über Aus­tra­li­en – einst der un­er­reich­ba­re Sehn­suchts­ort für Fern­weh­kan­di­da­ten und Aus­stei­ger – und je­der Zwei­te er­zählt, dass er schon mal dort ge­we­sen sei. Oder eben in New York.

Die­ser Blog han­delt je­doch nicht von Fern­rei­sen. Auch nicht von ge­hei­men Traum­strän­den, Shop­ping­tipps und Or­ten, die man vor dem Ster­ben ge­se­hen ha­ben muss. Das kön­nen an­de­re viel bes­ser er­zäh­len. Es geht um nahe Zie­le, un­se­re Nach­barn in Eu­ro­pa. Um klei­ne Ge­schich­ten, kur­ze Mo­ment­auf­nah­men. All­täg­lich, ba­nal und doch be­son­ders. Denn wie wuss­te Goe­the eben­falls: Das Gute liegt so nah, war­um in die Fer­ne schwei­fen?

Rote Eichhörnchen sind in London selten geworden © Kylli Kittus / Unsplash
Eich­hörn­chen sind in Lon­don sel­ten ge­wor­den. © Kyl­li Kit­tus / Uns­plash

Gute und böse Hörn­chen

Sie sind ku­sche­lig, drol­lig, zu­trau­lich – und sie wer­den von den Bri­ten ge­hasst. Grau­hörn­chen prä­gen das Stadt­bild von Lon­don, be­son­ders in Parks sind sie kaum weg­zu­den­ken. Wer sie füt­tert, ris­kiert ein Kopf­schüt­teln und böse Bli­cke sei­tens der lo­ka­len Be­völ­ke­rung. Denn Ken­ner wis­sen: Die süße Fas­sa­de ist nur Tar­nung. Grau­hörn­chen sind böse Hörn­chen.

Wer ein­mal im Hyde Park, St. Ja­mes‘ Park oder Regent‘s Park in Lon­don spa­zie­ren ge­gan­gen ist, dem dürf­te das Phä­no­men be­kannt sein: Über­all sieht man Eich­hörn­chen ren­nen, klet­tern und sprin­gen. Das Bes­te da­bei: Die ku­sche­li­gen Na­ger sind zu­trau­lich und las­sen sich ger­ne aus der Hand füt­tern. Doch Vor­sicht – kön­nen das wirk­lich Eich­hörn­chen sein? Sind die hier­zu­lan­de nicht eher schüch­tern und hal­ten sich meist ver­steckt? Kön­nen sich ihre Ver­wand­ten auf bri­ti­scher Sei­te zu sol­chen Drauf­gän­gern ent­wi­ckelt ha­ben?

Ge­fähr­lich: Na­ger mit grau­em Kurz­haar­schnitt

Nach ei­ner kur­zen Re­cher­che ist klar, dass es sich um Grau­hörn­chen han­delt. Okay, hät­te man auch auf­grund der Far­be kom­bi­nie­ren kön­nen. Doch das Nach­schla­gen gibt noch ei­nen wei­te­ren Fakt preis: Es exis­tiert eine of­fi­zi­el­le EU-Lis­te mit un­er­wünsch­ten Ar­ten. Und da­mit ist es amt­lich – es gibt die gu­ten und die bö­sen Hörn­chen. Seit 2016 sind Grau­hörn­chen der Feind. Die hei­mi­sche Art, die so­ge­nann­ten Eu­ra­si­schen Eich­hörn­chen, sind die Gu­ten. Doch wo­mit ha­ben sich die Kol­le­gen in Grau den wohl bes­ten­falls zwei­fel­haf­ten Ti­tel „ani­ma­lus non gra­ta“ ver­dient?

Grauhörnchen sind innerhalb der EU unerwünscht © Mathew Schwartz / Unsplash
Un­er­wünscht in­ner­halb der EU: Grau­hörn­chen. © Ma­thew Schwartz / Uns­plash

Black­list der EU re­gelt Platz­ver­wei­se für Tie­re

Die Lis­te mit un­er­wünsch­ten Ar­ten ist das Er­geb­nis ei­ner EU-Ver­ord­nung von 2014. Es gibt in Eu­ro­pa nach ak­tu­el­lem Stand 26 Tier­ar­ten (und 14 Pflan­zen­ar­ten), die von ei­nem an­de­ren Kon­ti­nent stam­men und be­kämpft wer­den sol­len, da sie das hei­mi­sche Öko­sys­tem be­dro­hen. Wis­sen­schaft­ler spre­chen da­bei von in­va­si­ven Ar­ten. 

Und zu die­sen un­er­wünsch­ten Gäs­ten zäh­len ne­ben den Wasch­bär-Ra­bau­ken, den fie­sen asia­ti­schen Hor­nis­sen und den gelb­äu­gi­gen Nil­gän­sen auch die ver­gleichs­wei­se ku­sche­li­gen Grau­hörn­chen. War­um? Nun, sie sind grö­ßer und kräf­ti­ger als ihre rot­haa­ri­gen Ver­wand­ten. Im Fut­ter-Nah­kampf zie­hen die hei­mi­schen Eich­hörn­chen re­gel­mä­ßig den Kür­ze­ren. Die aus Nord­ame­ri­ka stam­men­den Grau­hörn­chen sind kör­per­lich schlicht über­le­gen.

Der Adel trägt die Schuld

Schuld dar­an, dass sich die har­ten Jungs aus dem Nor­den über­haupt breit ma­chen konn­ten, ist – wer hät­te es ver­mu­tet – na­tür­lich der Adel. Ende des 19. Jahr­hun­derts ka­men die cle­ve­ren Herr­schaf­ten auf die glor­rei­che Idee, die sü­ßen Tier­chen in den Parks ih­rer Her­ren­häu­ser an­zu­sie­deln. Vie­len Dank an die­ser Stel­le. Und da Grau­hörn­chen nicht nur die ro­bus­te­ren Kämp­fer, son­dern auch in Sa­chen Li­bi­do flei­ßi­ger zu­gan­ge sind, ver­mehr­ten sie sich ra­sant. 

Die trä­ge Lo­kal­mann­schaft konn­te da nur stau­nend zu­gu­cken und muss nun auf­pas­sen, nicht völ­lig ver­drängt zu wer­den. Laut SPIEGEL ONLINE ge­hen Ex­per­ten da­von aus, dass Eich­hörn­chen in Groß­bri­tan­ni­en in le­dig­lich 35 Jah­ren ver­schwun­den sein könn­ten. Ja, es ist har­ter To­bak, der Tou­ris­ten wäh­rend ei­nes Lon­don-Trips ser­viert wird.

EU: Aus­ga­ben von 12 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr

Es be­steht aber noch Hoff­nung für die hie­si­ge Ar­ten­viel­falt. Die Eu­ro­päi­sche Uni­on hat die Zei­chen der Zeit er­kannt und lässt sich den Kampf ge­gen Grau­hörn­chen und Co. schlap­pe 12 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr kos­ten. Dem aus Mal­ta stam­men­den EU-Um­welt­kom­mis­sar Kar­me­nu Vel­la zu­fol­ge loh­ne sich die­ser Ein­satz, weil die Kos­ten für ver­lo­re­ne Ern­ten und Vieh­her­den durch in­va­si­ve Ar­ten auf lan­ge Sicht hö­her sei­en.

Eine in­ter­es­san­te Re­ge­lung in die­sem Zu­sam­men­hang: Die Schwar­ze Lis­te der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on gilt auch für alle Zoos in­ner­halb der Uni­on. Die Tier­parks dür­fen ih­ren ak­tu­el­len Be­stand zwar hal­ten, müs­sen aber da­für sor­gen, dass Männ­chen und Weib­chen nicht mehr auf Tuch­füh­lung mit­ein­an­der ge­hen. Doch die Re­ge­lung geht noch wei­ter – selbst aus­bre­chen dür­fen die un­er­wünsch­ten Tier­ar­ten zu­künf­tig nicht mehr. Ja, das steht dort ex­pli­zit.

Ver­stor­be­ne Tie­re im Zoo dür­fen er­setzt wer­den

So­bald ein­zel­ne Tie­re im Zoo ster­ben, dür­fen sie je­doch er­setzt wer­den. In die­sem Fall müs­sen dann Art­ge­nos­sen, die den Schuss nicht ge­hört ha­ben und in der Wild­nis ge­fan­gen wur­den, ih­ren Platz im Zö­li­bat ein­neh­men. Se­xu­el­le Ab­sti­nenz auf Le­bens­zeit. Um­ge­kehrt sind sie aber viel­leicht auch als Glücks­pil­ze zu be­trach­ten, da sie nicht mehr von den Anti-Maß­nah­men der Eu­ro­päi­schen Uni­on ge­gän­gelt wer­den. 

So oder so: Lon­don-Be­su­chern wird ge­ra­ten, in den Parks mit roy­al er­ho­be­nem Haupt an den Na­gern vor­bei zu schrei­ten, mö­gen die sü­ßen Knopf­au­gen und das ku­sche­li­ge Fell noch so ver­lo­ckend er­schei­nen. Da­durch un­ter­schei­det sich der ge­bil­de­te – und lo­kal an­ge­pass­te – vom ein­fa­chen Tou­ris­ten.