Der hat doch schon

Bei so einem Spiel muss man die Hose runterlassen und sein wahres Gesicht zeigen.

Alexander Strehmel, ehemaliger Fußballer und heutiger Trainer

Sport war von Kindesbeinen an meine ganz große Leidenschaft und hat mich bis heute nicht mehr losgelassen. Insbesondere mit König Fußball kann ich mich stundenlang beschäftigen, ohne dass mir langweilig wird. Ja, ich gebe es zu, ich bin einer dieser Ticker- und Statistiknerds, die sich tagelang bekloppte Zahlen reinziehen, bevor sie ihre Kicker-Mannschaft in die neue Saisons schicken. Abseits von Fußball (!) verfolge ich Basketball intensiv – den Sport, den ich als gebürtiger Bamberger quasi qua Geburt vererbt bekommen habe. Doch auch Handball, Volleyball und Eishockey haben ihren Reiz für mich, genau wie Leichtathletikturniere, Squash und Badminton. Kurzum: Sport ist mein großes Hobby, sowohl aktiv als auch passiv.

Trotz aller Begeisterung kann und möchte ich meine Augen vor den Schattenseiten des Sports nicht schließen. Die voranschreitende Kommerzialisierung, die Söldnermentalität vieler Spieler, das Gewaltpotenzial im Fanblock und die politische Vereinnahmung etwa sind Themen, die meine Fußballromantik immer wieder empfindlich stören. Dieser Blog greift daher sowohl positive als auch negative Aspekte des Leistungssports auf. Es geht um kleine Geschichten und Gedanken, die in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang stehen.

Ohne Pyrotechnik geht es nicht beim Hamburger Stadtderby. © Marvin Ronsdorf / Unsplash
Ohne Pyrotechnik geht es nicht beim Hamburger Stadtderby. © Marvin Ronsdorf / Unsplash

Der Hamburger Derby-Fluch

Der krisengebeutelte Hamburger Sport-Verein hat nach dem Bundesligaabstieg immerhin ein Trostpflaster gefunden: Er darf sich nach dem 4:0 gegen den Erzfeind FC St. Pauli endlich wieder amtierender Stadtmeister schimpfen. Doch die inoffizielle Stadtkrone ist teuer erkauft. Der Derby-Fluch, der die Braun-Weißen vor acht Jahren ereilt hat, ist zurückgekehrt. In dieser Saison konnte der HSV dem festen Griff der hanseatischen Schattenmacht nicht entkommen.

Derbys sind für viele leidenschaftliche Fußballfans das Salz in der Suppe, die ultimative Zerreißprobe der Nerven. Siege gegen den lokalen Rivalen können euphorisieren, Niederlagen schmerzen doppelt. Derbys sorgen für verbalen Zündstoff in Städten und Regionen, in Terminkalendern werden diese Spiele nach der Veröffentlichung des Spielplans als erste markiert. Die Anspannung ist in vielen Orten schon Tage und Wochen vor dem Matchday zu spüren – und sie überträgt sich häufig auch auf die Spieler, die ihre Fans unter keinen Umständen enttäuschen wollen. Das kann zu Blockaden führen, aber auch ungeahnte Kräfte freilegen. Wohl nicht zuletzt deshalb entstehen immer wieder kuriose Derby-Schmankerl wie der Hamburger Derby-Fluch.

Der Derby-Triumph als Pyrrhussieg

Der FC St. Pauli spielte zuletzt in der Saison 2010/2011 in der ersten Bundesliga. Erstmals nach acht Jahren konnte wieder ein Stadtderby gespielt werden. Nach einem Unentschieden im Hinspiel am Millerntor köpfte Asamoah die Braun-Weißen im Volksparkstadion ins „Derby-Delirium“, wie der Kicker schriebDer Sieg war gleichbedeutend mit Platz 12 am 21. Spieltag für den FC St. Pauli, die Mannschaft schien beflügelt. Nachdem auch das nächste Spiel gewonnen wurde, war der Klassenerhalt greifbar. Noch zwölf Spiele und die Totenköpfe standen auf Rang 11.

Doch plötzlich tauchte er auf und schlug zu. Kalt und grausam. Ohne Gnade, unerbittlich. Der Derby-Fluch. Die Kiezkicker konnten bis zum Rest der Saison kein einziges Spiel mehr gewinnen, holten nur noch einen von möglichen 36 Punkten – und stiegen sang- und klanglos in die zweite Bundesliga ab. Bis heute blieb dem FC St. Pauli eine Rückkehr ins Fußball-Oberhaus verwehrt. Es scheint, als habe der Derby-Fluch einen langen Atem. Wie in der römischen Geschichte bei König Pyrrhos I. von Epirus geht der Sieger des Konflikts ähnlich geschwächt hervor wie der Besiegte. Der König besiegte in der Schlacht bei Asculum zwar die Römer, erlitt dabei jedoch so große Verluste, dass seine geschwächte Armee in den Folgejahren den Pyrrhischen Krieg verlor.

Gespenstische Parallelen

Nach dem teuer erkauften Derby-Triumph des FC St. Pauli dauerte es wiederum weitere acht Jahre, bis das Stadtderby erneut stattfinden konnte. Zum ersten Mal standen sich die hanseatischen Kontrahenten in der zweiten Bundesliga gegenüber. Und wie acht Jahre zuvor gab es im Hinspiel ein Unentschieden. Und wie damals konnten im Rückspiel die Gäste siegen, dem Heimteam also vor eigenem Publikum die maximale Schmach zufügen. Ein Triumph, der seinen Tribut zu zollen scheint.

Das 4:0 des HSV war gleichbedeutend mit Platz zwei in der Tabelle bei nur einem Punkt Rückstand auf den 1. FC Köln. Zu diesem Zeitpunkt zweifelte kaum jemand, dass die einstigen Dinos die sofortige Rückkehr in die Beletage des Fußballs meistern würden. Doch mitten hinein in diese blau-weiß-schwarze Insel der Glückseligkeit schlich sich ein alter Bekannter, den viele Hamburger bereits als Legende verspotteten – der Derby-Fluch. Bei seiner Rückkehr schlug er noch härter zu als beim Erzrivalen acht Jahre zuvor.

Der HSV hat sich verpisst

Von den folgenden acht Partien konnte der große Aufstiegsfavorit kein Spiel mehr gewinnen. Zu Hause schlich das Angstgespenst durch die Ränge, trotz Führung setzte es Last-Minute-Niederlagen gegen Darmstadt und Magdeburg, die Mannschaft wirkte lethargisch. Und als man das Ruder noch hätte herumreißen können, setzte es im heimischen Volksparkstadion eine 0:3-Niederlage gegen den späteren Absteiger aus Ingolstadt. Kurzum: Der Ofen war aus. Es ging nichts mehr. Oder, um es mit den Worten von HSV-Kapitän Aaron Hunt zu sagen – man hat sich verpisst.

Da nützt auch der versöhnliche Abschluss im letzten Ligaspiel nichts mehr. Wie dem FC St. Pauli acht Jahre zuvor war auch dem HSV nach der Derby-Ekstase nur noch ein dreifacher Punktgewinn bis zum Saisonende vergönnt. Ein Sieg, der unbedeutend für den damaligen Abstieg in Braun-Weiß und heutigen Nicht-Aufstieg in Blau-Weiß-Schwarz war. Der Fluch hatte seinen Willen bekommen.

Magie oder Psychologie?

Es soll Skeptiker geben, die noch immer nicht an den Hamburger Derby-Fluch glauben. Kritiker, die lieber psychologische Argumente sammeln. Von Spannungsabfall ist da etwa die Rede. Von einer mentalen Leere nach einer unvergleichlich intensiven Erfahrung. So können nur Wissenschaftler sprechen, die Magie nicht einmal dann erkennen würden, wenn sie ihnen nackt auf den Bauch gebunden werden würde. Die Hamburger Morgenpost hingegen hat die Zeichen der Zeit früh erkannt und bereits Mitte April die Apokalypse vorhergesehen.
 

Es ist offensichtlich, der Hamburger Derby-Mythos lebt. Und er lauert nur darauf, ein weiteres Mal seine ganze Kraft zu entfalten. Glücklicherweise müssen dieses Mal keine weiteren acht Jahre vergehen, um das Rätsel „Derby-Fluch: Legende oder Realität?“ zu lösen. Schon in der kommenden Saison könnte sich zeigen, wie es um den Wahrheitsgehalt steht. Voraussetzung dafür ist lediglich ein Auswärtssieg eines der beiden Erzrivalen. In diesem Sinne: Allez Braun-Weiß! Oder lieber doch nicht? Sicher ist sicher …

Das Millerntor-Stadion des FC St. Pauli © Sandra Prues
Das Millerntor-Stadion des FC St. Pauli. © Sandra Prues

Die wahren Fußballhelden

Neymar. Ronaldo. Messi. Das sind die modernen Helden. Keine Götter in Weiß, sondern Götter auf Grün. Diese Namen fallen stets, wenn die Rede von den besten Kickern ist. Oder die Wahl des Weltfußballers ansteht. Und zugegeben, man sieht ihnen gerne beim Tricksen und Zaubern zu. Selbst diejenigen, die beteuern, sie nicht zu mögen – aufgrund von Arroganzanfällen oder eines zweifelhaften Charakters. Doch die wahren Fußballhelden sind andere. Namen, die nicht jeder kennt. Spieler, die Identifikation bieten. Menschen, die zur Familie gehören.

Ronaldo wechselt zu Juventus Turin. Liverpool verpflichtet mit Alisson Ramsés Becker den – Stand jetzt – teuersten Torhüter der Welt (72,5 Millionen Euro). Und der BVB leiht kurz vor Ende der Transferperiode Paco Alcácer vom FC Barcelona aus. Das sind einige Schlagzeilen, die den Transfersommer 2018 beherrschten. Weitaus mehr Beachtung fand jedoch eine Personalie, die bereits im April feststand, bei der jedoch kein Wechsel, sondern eine Verlängerung verkündet wurde. Jonas Hector, seines Zeichens Defensivspezialist und Nationalspieler, bleibt beim Absteiger 1. FC Köln – und die Fans flippen aus

Der Treueschwur von Hector ist deshalb so bemerkenswert, weil er einerseits Angebote von namhaften Vereinen wie dem FC Barcelona und Chelsea London vorliegen hatte und damit auf viel Geld verzichtet. Andererseits riskiert er mit dem Gang in die zweite Liga auch seinen Status quo als Nationalspieler, da er mindestens ein Jahr lang nicht mehr auf höchstem Niveau spielen wird. Doch was er im Gegenzug erhält, ist nicht mit Geld aufzuwiegen: Fanliebe. Bewunderung. Respekt.

Hector setzt ein wichtiges Zeichen

„Das finde ich großartig und zeigt mir, dass es im Fußball nicht nur in die falsche Richtung geht“, wird beispielsweise Jupp Heynckes zitiert. Kurzum: Der Verbleib von Hector in Köln war eine große Sache. Sie hat dem Spieler viele Sympathiebekundungen beschert und wahrscheinlich sogar seinen Marktwert erhöht, zumindest aber nicht geschmälert. Doch warum eigentlich? Ist Vereinstreue zu einem solch raren Gut verkommen, dass jeder Fan überrascht ist, wenn ein Starspieler nach einer verkorksten Saison nicht gleich wieder weg ist? 

Hector ist nicht der erste deutsche Nationalspieler, der in der zweiten Bundesliga kickt. Vor ihm haben bereits Lukas Podolski (auch beim 1. FC Köln) und Oliver Neuville nach dem Abstieg mit Borussia Mönchengladbach diesen Schritt gewagt. Doch in Zeiten streikender Fußballprofis, explodierender Gehälter und narzisstischer Selbstinszenierung sticht ein bodenständiger Typ wie Jonas Hector derart heraus, dass er zum scheinbaren Unikat avanciert. Der Hype um seinen Verbleib ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich Fußballromantiker nach moralischen Tugenden wie Verantwortung und Treue sehnen.

Die lokalen Fußballgötter

Für viele Effzeh-Fans ist Hector jetzt ein Held. Der Nachrichtensender n-tv bezeichnet den gebürtigen Saarländer als letzten Romantiker der Liga. Die Zuschauer bekunden ihre Sympathien in vielen Stadien durch ein Anhängen des Titels „Fußballgott“ an den Nachnamen bei der Verkündung der Mannschaftsaufstellung durch den Stadionsprecher. Hector hat gute Chancen, dass er diesen Ruhm jetzt viele Jahre genießen darf – seinen Vertrag hat er bis 2023 verlängert. Doch ein Einzelfall ist der Nationalspieler zum Glück nicht. 

Es gibt in der Bundesliga einige dieser Ikonen, die sich durch besondere Verdienste um einen Verein auszeichnen und für Werte wie Verbundenheit, Verantwortung und Loyalität stehen. Das müssen längst nicht immer die leistungsstärksten Spieler sein. Oft sind ein überdurchschnittliches Engagement für den Verein und ein hohes Identifikationspotenzial ausreichend. Für viele Fußballfans sind die lokalen Größen die wahren Fußballhelden. Weil sie zur Familie gehören und nicht gleich gehen, wenn es mal kracht. Diesen Kultstatus kann sich ein Spieler nicht erkaufen – er muss ihn sich verdienen. Doch er ist es allemal wert, auf so manchen Taler zu verzichten.

Vereinstreue zahlt sich aus

Ein gutes Beispiel für einen lokalen Fußballhelden ist Marc Schnatterer vom 1. FC Heidenheim, der dieses Jahr sein zehnjähriges Jubiläum gefeiert hat. Am 10. August 2008 machte der Standardspezialist sein erstes Pflichtspiel für Heidenheim und schoss den Verein im Laufe der Jahre in die 2. Bundesliga. Seine Leistungsdaten sind herausragend. Bis zur aktuellen Saison kommt der gebürtige Heilbronner in 360 Pflichtspielen auf 107 Tore und 106 Vorlagen – eine Wahnsinnsquote. Genialer Vorbereiter und Vollstrecker in einer Person. Kaum Fehlzeiten, immer fit, immer motiviert. In zehn Jahren Heidenheim verpasste Schnatterer nur 16 Pflichtspiele.

Die Fußballwelt ist sich einig, dass Marc Schnatterer auch in der Bundesliga eine tragende Rolle für fast jeden Verein hätte spielen können. Oder in einer der europäischen Topligen. Doch im Interview mit dem Kicker fällt 2013 die Aussage: „Heidenheim passt zu mir und ich passe nach Heidenheim.“ Mehr gibt es nicht zu sagen. Ein Mann, ein Satz. Denn auch in der Saison 2018/2019 spielt Marc Schnatterer für Heidenheim – und ist dabei so gut wie eh und je. Schnatterer, das Phänomen. 

Zu seinem Jubiläum huldigten ihm die Mannschaft und die Zuschauer auf eine ganz besondere Weise: Vor Spielbeginn setzte sich ein Großteil im Stadion eine Schnatterer-Maske aufs Gesicht. Gepaart mit dem frenetischen Applaus ein Gänsehaut-Moment. Zumindest im Kleinen. Denn Heidenheim ist nicht London oder Madrid und so wurden am Ende „nur“ rund 5.000 Masken verteilt. Doch die tiefe Zuneigung war deutlich zu spüren. Und die Chancen für Heidenheim und Marc Schnatterer stehen gut, dass diese Liaison bis zum Karriereende des Ausnahmekickers bestehen bleibt.

Verbundenheit über die aktive Spielzeit hinaus

Ein weiteres gutes Beispiel für einen lokalen Fußballgott ist Stefan Kießling. Der Franke spielte in seiner Jugend lange Zeit in Bamberg, bevor der 1. FC Nürnberg auf ihn aufmerksam wurde. Durch gute Leistungen überzeugte er schließlich Bayer Leverkusen – und vor allem Rudi Völler. „Wir sind stolz darauf, daß wir in Konkurrenz zu namhaften Clubs letztlich doch das Rennen um Stefan Kießling gewonnen haben. Für mich ist er einer der talentiertesten deutschen Spieler. Ich bin davon überzeugt, dass er bei uns vor einer großen Karriere steht“, äußerte Völler 2006 während einer Pressekonferenz

Zwölf Jahre, 344 Spiele und 131 Tore später lässt sich konstatieren, dass Völler recht behalten sollte. Stefan Kießling erarbeitete sich durch seinen tadellosen Einsatz, seine unbändige Laufbereitschaft und sein großes Kämpferherz einen hohen Stellenwert im Verein und wurde zum Publikumsliebling in Leverkusen. Torschützenkönig, WM-Teilnehmer, Ehrenbürger. „Stefan ist das Herz von Bayer. Ein Fixpunkt, wie früher Ulf Kirsten“, sagt Völler. Mehr Lob und Anerkennung sind kaum möglich. 

Kießling zufolge war zudem ein Wechsel nie ein Thema. Diese Treue und Verbundenheit zum Verein zeigt sich auch nach dem Karriereende, auf das sich Kießling durch einen Bildungslehrgang als Sportmanager an der European Sportsmanagement Academy in Nürnberg rechtzeitig vorbereitet hat. Er wird quasi zum Völler-Azubi, wie die BILD-Zeitung schreibt – und kann damit weiter an seinem Legendenstatus arbeiten. Ein perfekter Übergang vom aktiven Fußballer- ins Zivilleben. Und der Verdienst für zwölf Jahre Schufterei und Fleiß.

Karriere nach der Karriere

Der Fall Kießling zeigt, dass sich Vereinstreue auch hinsichtlich einer Karriere nach der Karriere auszahlen kann. Das Beste dabei: Diese Möglichkeit steht nicht nur Spielern offen, die in vielen Jahren überdurchschnittliche Leistungen gezeigt haben. Denn die lokalen Fußballhelden müssen längst nicht immer Starspieler sein. Es reicht, dass sie ein hohes Identifikationspotenzial für den Verein und die Region bieten und sich über Jahre hinweg für die Mannschaft engagieren und loyal verhalten. 

Jan-Philipp Kalla vom FC St. Pauli ist solch ein Typ. Er ist seit 2003 im Verein und damit der dienstälteste aktive Spieler bei den Norddeutschen. Ohne dem sympathischen Hamburger zu nahe treten zu wollen, sind seine Leistungsdaten überschaubar – doch die Liebe der Fans ist ihm sicher. Kallas Einsätze fallen seit einigen Jahren stetig. In der Saison 2012/2013 galt er noch als Stammspieler und kam auf 26 Ligaspiele. Diese Zahl reduzierte sich in den Folgejahren deutlich: 23, 16, 15, 13 und 11 Spiele in der vergangenen Spielzeit lautet die Bilanz.

Zahlen lügen nicht, doch sie stehen im Fall von Kalla in keinem Zusammenhang zu seiner Beliebtheitsskala im Verein. Es scheint fast, als würde jedes weitere Jahr für den FC St. Pauli seinen Marktwert steigern – zumindest unter der Anhängerschaft der Braun-Weißen. Anders formuliert: Der Name Kalla erscheint mit jeder Saison seltener auf der Anzeigetafel, doch der Zusatztitel „Fußballgott“ wird umso lauter von den Fans skandiert. Kalla ist Kult auf St. Pauli, er steht für Beständigkeit und Vertrauen. Auch ohne Titel. 

Kalla ist nah bei den Fans, engagiert sich in vielen sozialen Projekten und lehnt keinen Autogrammwunsch ab. Mal hilft er bei der Organisation einer Kleiderspende, mal bedient er Verkäufer des Straßenmagazins Hinz&Kunzt bei der Weihnachtsfeier, mal übernimmt er eine soziale Patenschaft. Ein besonderes Zeichen der Wertschätzung durch die Fans ist der Sticker „Kalla your life“, der an vielen Stellen im Millerntor-Stadion klebt.

Liebevoll gestaltete Sticker von Jan-Philipp Kalla vom FC St. Pauli © blocknachbarn-sanktpauli.de
Jan-Philipp Kalla als Sticker. © blocknachbarn-sanktpauli.de

Die wahren Fußballhelden

Zusammengefasst braucht es die große Bühne nicht, um ein wahrer Fußballheld zu werden. Einsatz, Fleiß, Treue und Loyalität reichen häufig aus, um als Vereinsidol zu gelten. Und wie sich am Beispiel von Stefan Kießling zeigt, kann das der Grundstein für eine Karriere nach der Karriere sein. Auch Jan-Phillip Kalla – Spitzname „Schnecke“ – wurde bereits eine Anstellung im Verein nach dem aktiven Karriereende in Aussicht gestellt. Den Beinamen verdankt er seiner Mutter, weil er sich als Baby beim Schlafen so niedlich einrollte.

Es sind solche Spielertypen und Geschichten, die die Fußballromantik am Leben erhalten. Es braucht vereinsinterne Galionsfiguren, die die Fans glauben lassen, dass es sich auch im bezahlten Fußball noch um höhere Werte als Gehälter, Sponsoren-Einnahmen, Ruhm und Titel dreht – zumindest manchmal. Dass es so etwas tatsächlich noch gibt. Spieler wie Hector, Schnatterer, Kießling und Kalla. Oder auch Spieler wie Claudio Pizarro, die immer wieder zu ihrer großen Liebe zurückkehren. Die Fans sind dankbar für solche Ausnahmeerscheinungen. Und sie honorieren es in höchstem Maße. Mit Zuneigung, Respekt und Bewunderung. Das sind die Zutaten, aus denen wahre Fußballhelden entstehen und Legenden geboren werden.