Der hat doch schon

Bei so ei­nem Spiel muss man die Hose run­ter­las­sen und sein wah­res Ge­sicht zei­gen.

Alex­an­der Streh­mel, ehe­ma­li­ger Fuß­bal­ler und heu­ti­ger Trai­ner

Sport war von Kin­des­bei­nen an mei­ne ganz gro­ße Lei­den­schaft und hat mich bis heu­te nicht mehr los­ge­las­sen. Ins­be­son­de­re mit Kö­nig Fuß­ball kann ich mich stun­den­lang be­schäf­ti­gen, ohne dass mir lang­wei­lig wird. Ja, ich gebe es zu, ich bin ei­ner die­ser Ti­cker- und Sta­tis­tik­nerds, die sich ta­ge­lang be­klopp­te Zah­len rein­zie­hen, be­vor sie ihre Ki­cker-Mann­schaft in die neue Sai­sons schi­cken. Ab­seits von Fuß­ball (!) ver­fol­ge ich Bas­ket­ball in­ten­siv – den Sport, den ich als ge­bür­ti­ger Bam­ber­ger qua­si qua Ge­burt ver­erbt be­kom­men habe. Doch auch Hand­ball, Vol­ley­ball und Eis­ho­ckey ha­ben ih­ren Reiz für mich, ge­nau wie Leicht­ath­le­tik­tur­nie­re, Squash und Bad­min­ton. Kurz­um: Sport ist mein gro­ßes Hob­by, so­wohl ak­tiv als auch pas­siv.

Trotz al­ler Be­geis­te­rung kann und möch­te ich mei­ne Au­gen vor den Schat­ten­sei­ten des Sports nicht schlie­ßen. Die vor­an­schrei­ten­de Kom­mer­zia­li­sie­rung, die Söld­ner­men­ta­li­tät vie­ler Spie­ler, das Ge­walt­po­ten­zi­al im Fan­block und die po­li­ti­sche Ver­ein­nah­mung etwa sind The­men, die mei­ne Fuß­ball­ro­man­tik im­mer wie­der emp­find­lich stö­ren. Die­ser Blog greift da­her so­wohl po­si­ti­ve als auch ne­ga­ti­ve As­pek­te des Leis­tungs­sports auf. Es geht um klei­ne Ge­schich­ten und Ge­dan­ken, die in ei­nem grö­ße­ren ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­hang ste­hen.

Ohne Pyrotechnik geht es nicht beim Hamburger Stadtderby. © Marvin Ronsdorf / Unsplash
Ohne Py­ro­tech­nik geht es nicht beim Ham­bur­ger Stadt­der­by. © Mar­vin Rons­dorf / Uns­plash

Der Ham­bur­ger Der­by-Fluch

Der kri­sen­ge­beu­tel­te Ham­bur­ger Sport-Ver­ein hat nach dem Bun­des­li­ga­ab­stieg im­mer­hin ein Trost­pflas­ter ge­fun­den: Er darf sich nach dem 4:0 ge­gen den Erz­feind FC St. Pau­li end­lich wie­der am­tie­ren­der Stadt­meis­ter schimp­fen. Doch die in­of­fi­zi­el­le Stadt­kro­ne ist teu­er er­kauft. Der Der­by-Fluch, der die Braun-Wei­ßen vor acht Jah­ren er­eilt hat, ist zu­rück­ge­kehrt. In die­ser Sai­son konn­te der HSV dem fes­ten Griff der han­sea­ti­schen Schat­ten­macht nicht ent­kom­men.

Der­bys sind für vie­le lei­den­schaft­li­che Fuß­ball­fans das Salz in der Sup­pe, die ul­ti­ma­ti­ve Zer­reiß­pro­be der Ner­ven. Sie­ge ge­gen den lo­ka­len Ri­va­len kön­nen eu­pho­ri­sie­ren, Nie­der­la­gen schmer­zen dop­pelt. Der­bys sor­gen für ver­ba­len Zünd­stoff in Städ­ten und Re­gio­nen, in Ter­min­ka­len­dern wer­den die­se Spie­le nach der Ver­öf­fent­li­chung des Spiel­plans als ers­te mar­kiert. Die An­span­nung ist in vie­len Or­ten schon Tage und Wo­chen vor dem Match­day zu spü­ren – und sie über­trägt sich häu­fig auch auf die Spie­ler, die ihre Fans un­ter kei­nen Um­stän­den ent­täu­schen wol­len. Das kann zu Blo­cka­den füh­ren, aber auch un­ge­ahn­te Kräf­te frei­le­gen. Wohl nicht zu­letzt des­halb ent­ste­hen im­mer wie­der ku­rio­se Der­by-Schman­kerl wie der Ham­bur­ger Der­by-Fluch.

Der Der­by-Tri­umph als Pyr­rhus­sieg

Der FC St. Pau­li spiel­te zu­letzt in der Sai­son 2010/2011 in der ers­ten Bun­des­li­ga. Erst­mals nach acht Jah­ren konn­te wie­der ein Stadt­der­by ge­spielt wer­den. Nach ei­nem Un­ent­schie­den im Hin­spiel am Mill­ern­tor köpf­te As­a­mo­ah die Braun-Wei­ßen im Volks­park­sta­di­on ins „Der­by-De­li­ri­um“, wie der Ki­cker schriebDer Sieg war gleich­be­deu­tend mit Platz 12 am 21. Spiel­tag für den FC St. Pau­li, die Mann­schaft schien be­flü­gelt. Nach­dem auch das nächs­te Spiel ge­won­nen wur­de, war der Klas­sen­er­halt greif­bar. Noch zwölf Spie­le und die To­ten­köp­fe stan­den auf Rang 11.

Doch plötz­lich tauch­te er auf und schlug zu. Kalt und grau­sam. Ohne Gna­de, un­er­bitt­lich. Der Der­by-Fluch. Die Kiez­ki­cker konn­ten bis zum Rest der Sai­son kein ein­zi­ges Spiel mehr ge­win­nen, hol­ten nur noch ei­nen von mög­li­chen 36 Punk­ten – und stie­gen sang- und klang­los in die zwei­te Bun­des­li­ga ab. Bis heu­te blieb dem FC St. Pau­li eine Rück­kehr ins Fuß­ball-Ober­haus ver­wehrt. Es scheint, als habe der Der­by-Fluch ei­nen lan­gen Atem. Wie in der rö­mi­schen Ge­schich­te bei Kö­nig Pyr­rhos I. von Epi­rus geht der Sie­ger des Kon­flikts ähn­lich ge­schwächt her­vor wie der Be­sieg­te. Der Kö­nig be­sieg­te in der Schlacht bei As­cu­lum zwar die Rö­mer, er­litt da­bei je­doch so gro­ße Ver­lus­te, dass sei­ne ge­schwäch­te Ar­mee in den Fol­ge­jah­ren den Pyrrhischen Krieg ver­lor.

Ge­spens­ti­sche Par­al­le­len

Nach dem teu­er er­kauf­ten Der­by-Tri­umph des FC St. Pau­li dau­er­te es wie­der­um wei­te­re acht Jah­re, bis das Stadt­der­by er­neut statt­fin­den konn­te. Zum ers­ten Mal stan­den sich die han­sea­ti­schen Kon­tra­hen­ten in der zwei­ten Bun­des­li­ga ge­gen­über. Und wie acht Jah­re zu­vor gab es im Hin­spiel ein Un­ent­schie­den. Und wie da­mals konn­ten im Rück­spiel die Gäs­te sie­gen, dem Heim­team also vor ei­ge­nem Pu­bli­kum die ma­xi­ma­le Schmach zu­fü­gen. Ein Tri­umph, der sei­nen Tri­but zu zol­len scheint.

Das 4:0 des HSV war gleich­be­deu­tend mit Platz zwei in der Ta­bel­le bei nur ei­nem Punkt Rück­stand auf den 1. FC Köln. Zu die­sem Zeit­punkt zwei­fel­te kaum je­mand, dass die eins­ti­gen Di­nos die so­for­ti­ge Rück­kehr in die Bel­eta­ge des Fuß­balls meis­tern wür­den. Doch mit­ten hin­ein in die­se blau-weiß-schwar­ze In­sel der Glück­se­lig­keit schlich sich ein al­ter Be­kann­ter, den vie­le Ham­bur­ger be­reits als Le­gen­de ver­spot­te­ten – der Der­by-Fluch. Bei sei­ner Rück­kehr schlug er noch här­ter zu als beim Erz­ri­va­len acht Jah­re zu­vor.

Der HSV hat sich ver­pisst

Von den fol­gen­den acht Par­ti­en konn­te der gro­ße Auf­stiegs­fa­vo­rit kein Spiel mehr ge­win­nen. Zu Hau­se schlich das Angst­ge­spenst durch die Rän­ge, trotz Füh­rung setz­te es Last-Mi­nu­te-Nie­der­la­gen ge­gen Darm­stadt und Mag­de­burg, die Mann­schaft wirk­te le­thar­gisch. Und als man das Ru­der noch hät­te her­um­rei­ßen kön­nen, setz­te es im hei­mi­schen Volks­park­sta­di­on eine 0:3‑Niederlage ge­gen den spä­te­ren Ab­stei­ger aus In­gol­stadt. Kurz­um: Der Ofen war aus. Es ging nichts mehr. Oder, um es mit den Wor­ten von HSV-Ka­pi­tän Aa­ron Hunt zu sa­gen – man hat sich ver­pisst.

Da nützt auch der ver­söhn­li­che Ab­schluss im letz­ten Li­ga­spiel nichts mehr. Wie dem FC St. Pau­li acht Jah­re zu­vor war auch dem HSV nach der Der­by-Ek­sta­se nur noch ein drei­fa­cher Punkt­ge­winn bis zum Sai­son­ende ver­gönnt. Ein Sieg, der un­be­deu­tend für den da­ma­li­gen Ab­stieg in Braun-Weiß und heu­ti­gen Nicht-Auf­stieg in Blau-Weiß-Schwarz war. Der Fluch hat­te sei­nen Wil­len be­kom­men.

Ma­gie oder Psy­cho­lo­gie?

Es soll Skep­ti­ker ge­ben, die noch im­mer nicht an den Ham­bur­ger Der­by-Fluch glau­ben. Kri­ti­ker, die lie­ber psy­cho­lo­gi­sche Ar­gu­men­te sam­meln. Von Span­nungs­ab­fall ist da etwa die Rede. Von ei­ner men­ta­len Lee­re nach ei­ner un­ver­gleich­lich in­ten­si­ven Er­fah­rung. So kön­nen nur Wis­sen­schaft­ler spre­chen, die Ma­gie nicht ein­mal dann er­ken­nen wür­den, wenn sie ih­nen nackt auf den Bauch ge­bun­den wer­den wür­de. Die Ham­bur­ger Mor­gen­post hin­ge­gen hat die Zei­chen der Zeit früh er­kannt und be­reits Mit­te April die Apo­ka­lyp­se vor­her­ge­se­hen.
 

Es ist of­fen­sicht­lich, der Ham­bur­ger Der­by-My­thos lebt. Und er lau­ert nur dar­auf, ein wei­te­res Mal sei­ne gan­ze Kraft zu ent­fal­ten. Glück­li­cher­wei­se müs­sen die­ses Mal kei­ne wei­te­ren acht Jah­re ver­ge­hen, um das Rät­sel „Der­by-Fluch: Le­gen­de oder Rea­li­tät?“ zu lö­sen. Schon in der kom­men­den Sai­son könn­te sich zei­gen, wie es um den Wahr­heits­ge­halt steht. Vor­aus­set­zung da­für ist le­dig­lich ein Aus­wärts­sieg ei­nes der bei­den Erz­ri­va­len. In die­sem Sin­ne: Al­lez Braun-Weiß! Oder lie­ber doch nicht? Si­cher ist si­cher …

Das Millerntor-Stadion des FC St. Pauli © Sandra Prues
Das Mill­ern­tor-Sta­di­on des FC St. Pau­li. © San­dra Pru­es

Die wah­ren Fuß­ball­hel­den

Ney­mar. Ro­nal­do. Mes­si. Das sind die mo­der­nen Hel­den. Kei­ne Göt­ter in Weiß, son­dern Göt­ter auf Grün. Die­se Na­men fal­len stets, wenn die Rede von den bes­ten Ki­ckern ist. Oder die Wahl des Welt­fuß­bal­lers an­steht. Und zu­ge­ge­ben, man sieht ih­nen ger­ne beim Trick­sen und Zau­bern zu. Selbst die­je­ni­gen, die be­teu­ern, sie nicht zu mö­gen – auf­grund von Ar­ro­ganz­an­fäl­len oder ei­nes zwei­fel­haf­ten Cha­rak­ters. Doch die wah­ren Fuß­ball­hel­den sind an­de­re. Na­men, die nicht je­der kennt. Spie­ler, die Iden­ti­fi­ka­ti­on bie­ten. Men­schen, die zur Fa­mi­lie ge­hö­ren.

Ro­nal­do wech­selt zu Ju­ven­tus Tu­rin. Li­ver­pool ver­pflich­tet mit Alis­son Ramsés Be­cker den – Stand jetzt – teu­ers­ten Tor­hü­ter der Welt (72,5 Mil­lio­nen Euro). Und der BVB leiht kurz vor Ende der Trans­fer­pe­ri­ode Paco Al­cá­cer vom FC Bar­ce­lo­na aus. Das sind ei­ni­ge Schlag­zei­len, die den Trans­fer­som­mer 2018 be­herrsch­ten. Weit­aus mehr Be­ach­tung fand je­doch eine Per­so­na­lie, die be­reits im April fest­stand, bei der je­doch kein Wech­sel, son­dern eine Ver­län­ge­rung ver­kün­det wur­de. Jo­nas Hec­tor, sei­nes Zei­chens De­fen­siv­spe­zia­list und Na­tio­nal­spie­ler, bleibt beim Ab­stei­ger 1. FC Köln – und die Fans flip­pen aus

Der Treue­schwur von Hec­tor ist des­halb so be­mer­kens­wert, weil er ei­ner­seits An­ge­bo­te von nam­haf­ten Ver­ei­nen wie dem FC Bar­ce­lo­na und Chel­sea Lon­don vor­lie­gen hat­te und da­mit auf viel Geld ver­zich­tet. An­de­rer­seits ris­kiert er mit dem Gang in die zwei­te Liga auch sei­nen Sta­tus quo als Na­tio­nal­spie­ler, da er min­des­tens ein Jahr lang nicht mehr auf höchs­tem Ni­veau spie­len wird. Doch was er im Ge­gen­zug er­hält, ist nicht mit Geld auf­zu­wie­gen: Fan­lie­be. Be­wun­de­rung. Re­spekt.

Hec­tor setzt ein wich­ti­ges Zei­chen

„Das fin­de ich groß­ar­tig und zeigt mir, dass es im Fuß­ball nicht nur in die fal­sche Rich­tung geht“, wird bei­spiels­wei­se Jupp Heynckes zi­tiert. Kurz­um: Der Ver­bleib von Hec­tor in Köln war eine gro­ße Sa­che. Sie hat dem Spie­ler vie­le Sym­pa­thie­be­kun­dun­gen be­schert und wahr­schein­lich so­gar sei­nen Markt­wert er­höht, zu­min­dest aber nicht ge­schmä­lert. Doch war­um ei­gent­lich? Ist Ver­eins­treue zu ei­nem solch ra­ren Gut ver­kom­men, dass je­der Fan über­rascht ist, wenn ein Star­spie­ler nach ei­ner ver­korks­ten Sai­son nicht gleich wie­der weg ist? 

Hec­tor ist nicht der ers­te deut­sche Na­tio­nal­spie­ler, der in der zwei­ten Bun­des­li­ga kickt. Vor ihm ha­ben be­reits Lu­kas Po­dol­ski (auch beim 1. FC Köln) und Oli­ver Neu­vil­le nach dem Ab­stieg mit Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach die­sen Schritt ge­wagt. Doch in Zei­ten strei­ken­der Fuß­ball­pro­fis, ex­plo­die­ren­der Ge­häl­ter und nar­ziss­ti­scher Selbst­in­sze­nie­rung sticht ein bo­den­stän­di­ger Typ wie Jo­nas Hec­tor der­art her­aus, dass er zum schein­ba­ren Uni­kat avan­ciert. Der Hype um sei­nen Ver­bleib ist ein gu­tes Bei­spiel da­für, wie sehr sich Fuß­ball­ro­man­ti­ker nach mo­ra­li­schen Tu­gen­den wie Ver­ant­wor­tung und Treue seh­nen.

Die lo­ka­len Fuß­ball­göt­ter

Für vie­le Eff­zeh-Fans ist Hec­tor jetzt ein Held. Der Nach­rich­ten­sen­der n‑tv be­zeich­net den ge­bür­ti­gen Saar­län­der als letz­ten Ro­man­ti­ker der Liga. Die Zu­schau­er be­kun­den ihre Sym­pa­thi­en in vie­len Sta­di­en durch ein An­hän­gen des Ti­tels „Fuß­ball­gott“ an den Nach­na­men bei der Ver­kün­dung der Mann­schafts­auf­stel­lung durch den Sta­di­on­spre­cher. Hec­tor hat gute Chan­cen, dass er die­sen Ruhm jetzt vie­le Jah­re ge­nie­ßen darf – sei­nen Ver­trag hat er bis 2023 ver­län­gert. Doch ein Ein­zel­fall ist der Na­tio­nal­spie­ler zum Glück nicht. 

Es gibt in der Bun­des­li­ga ei­ni­ge die­ser Iko­nen, die sich durch be­son­de­re Ver­diens­te um ei­nen Ver­ein aus­zeich­nen und für Wer­te wie Ver­bun­den­heit, Ver­ant­wor­tung und Loya­li­tät ste­hen. Das müs­sen längst nicht im­mer die leis­tungs­stärks­ten Spie­ler sein. Oft sind ein über­durch­schnitt­li­ches En­ga­ge­ment für den Ver­ein und ein ho­hes Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­zi­al aus­rei­chend. Für vie­le Fuß­ball­fans sind die lo­ka­len Grö­ßen die wah­ren Fuß­ball­hel­den. Weil sie zur Fa­mi­lie ge­hö­ren und nicht gleich ge­hen, wenn es mal kracht. Die­sen Kult­sta­tus kann sich ein Spie­ler nicht er­kau­fen – er muss ihn sich ver­die­nen. Doch er ist es al­le­mal wert, auf so man­chen Ta­ler zu ver­zich­ten.

Ver­eins­treue zahlt sich aus

Ein gu­tes Bei­spiel für ei­nen lo­ka­len Fuß­ball­hel­den ist Marc Schnat­te­rer vom 1. FC Hei­den­heim, der die­ses Jahr sein zehn­jäh­ri­ges Ju­bi­lä­um ge­fei­ert hat. Am 10. Au­gust 2008 mach­te der Stan­dard­spe­zia­list sein ers­tes Pflicht­spiel für Hei­den­heim und schoss den Ver­ein im Lau­fe der Jah­re in die 2. Bun­des­li­ga. Sei­ne Leis­tungs­da­ten sind her­aus­ra­gend. Bis zur ak­tu­el­len Sai­son kommt der ge­bür­ti­ge Heil­bron­ner in 360 Pflicht­spie­len auf 107 Tore und 106 Vor­la­gen – eine Wahn­sinns­quo­te. Ge­nia­ler Vor­be­rei­ter und Voll­stre­cker in ei­ner Per­son. Kaum Fehl­zei­ten, im­mer fit, im­mer mo­ti­viert. In zehn Jah­ren Hei­den­heim ver­pass­te Schnat­te­rer nur 16 Pflicht­spie­le.

Die Fuß­ball­welt ist sich ei­nig, dass Marc Schnat­te­rer auch in der Bun­des­li­ga eine tra­gen­de Rol­le für fast je­den Ver­ein hät­te spie­len kön­nen. Oder in ei­ner der eu­ro­päi­schen Top­li­gen. Doch im In­ter­view mit dem Ki­cker fällt 2013 die Aus­sa­ge: „Hei­den­heim passt zu mir und ich pas­se nach Hei­den­heim.“ Mehr gibt es nicht zu sa­gen. Ein Mann, ein Satz. Denn auch in der Sai­son 2018/2019 spielt Marc Schnat­te­rer für Hei­den­heim – und ist da­bei so gut wie eh und je. Schnat­te­rer, das Phä­no­men. 

Zu sei­nem Ju­bi­lä­um hul­dig­ten ihm die Mann­schaft und die Zu­schau­er auf eine ganz be­son­de­re Wei­se: Vor Spiel­be­ginn setz­te sich ein Groß­teil im Sta­di­on eine Schnat­te­rer-Mas­ke aufs Ge­sicht. Ge­paart mit dem fre­ne­ti­schen Ap­plaus ein Gän­se­haut-Mo­ment. Zu­min­dest im Klei­nen. Denn Hei­den­heim ist nicht Lon­don oder Ma­drid und so wur­den am Ende „nur“ rund 5.000 Mas­ken ver­teilt. Doch die tie­fe Zu­nei­gung war deut­lich zu spü­ren. Und die Chan­cen für Hei­den­heim und Marc Schnat­te­rer ste­hen gut, dass die­se Li­ai­son bis zum Kar­rie­re­en­de des Aus­nah­me­ki­ckers be­stehen bleibt.

Ver­bun­den­heit über die ak­ti­ve Spiel­zeit hin­aus

Ein wei­te­res gu­tes Bei­spiel für ei­nen lo­ka­len Fuß­ball­gott ist Ste­fan Kieß­ling. Der Fran­ke spiel­te in sei­ner Ju­gend lan­ge Zeit in Bam­berg, be­vor der 1. FC Nürn­berg auf ihn auf­merk­sam wur­de. Durch gute Leis­tun­gen über­zeug­te er schließ­lich Bay­er Le­ver­ku­sen – und vor al­lem Rudi Völ­ler. „Wir sind stolz dar­auf, daß wir in Kon­kur­renz zu nam­haf­ten Clubs letzt­lich doch das Ren­nen um Ste­fan Kieß­ling ge­won­nen ha­ben. Für mich ist er ei­ner der ta­len­tier­tes­ten deut­schen Spie­ler. Ich bin da­von über­zeugt, dass er bei uns vor ei­ner gro­ßen Kar­rie­re steht“, äu­ßer­te Völ­ler 2006 wäh­rend ei­ner Pres­se­kon­fe­renz

Zwölf Jah­re, 344 Spie­le und 131 Tore spä­ter lässt sich kon­sta­tie­ren, dass Völ­ler recht be­hal­ten soll­te. Ste­fan Kieß­ling er­ar­bei­te­te sich durch sei­nen ta­del­lo­sen Ein­satz, sei­ne un­bän­di­ge Lauf­be­reit­schaft und sein gro­ßes Kämp­fer­herz ei­nen ho­hen Stel­len­wert im Ver­ein und wur­de zum Pu­bli­kums­lieb­ling in Le­ver­ku­sen. Tor­schüt­zen­kö­nig, WM-Teil­neh­mer, Eh­ren­bür­ger. „Ste­fan ist das Herz von Bay­er. Ein Fix­punkt, wie frü­her Ulf Kirs­ten“, sagt Völ­ler. Mehr Lob und An­er­ken­nung sind kaum mög­lich. 

Kieß­ling zu­fol­ge war zu­dem ein Wech­sel nie ein The­ma. Die­se Treue und Ver­bun­den­heit zum Ver­ein zeigt sich auch nach dem Kar­rie­re­en­de, auf das sich Kieß­ling durch ei­nen Bil­dungs­lehr­gang als Sport­ma­na­ger an der Eu­ropean Sports­ma­nage­ment Aca­de­my in Nürn­berg recht­zei­tig vor­be­rei­tet hat. Er wird qua­si zum Völ­ler-Azu­bi, wie die BILD-Zei­tung schreibt – und kann da­mit wei­ter an sei­nem Le­gen­den­sta­tus ar­bei­ten. Ein per­fek­ter Über­gang vom ak­ti­ven Fuß­bal­ler- ins Zi­vil­le­ben. Und der Ver­dienst für zwölf Jah­re Schuf­te­rei und Fleiß.

Kar­rie­re nach der Kar­rie­re

Der Fall Kieß­ling zeigt, dass sich Ver­eins­treue auch hin­sicht­lich ei­ner Kar­rie­re nach der Kar­rie­re aus­zah­len kann. Das Bes­te da­bei: Die­se Mög­lich­keit steht nicht nur Spie­lern of­fen, die in vie­len Jah­ren über­durch­schnitt­li­che Leis­tun­gen ge­zeigt ha­ben. Denn die lo­ka­len Fuß­ball­hel­den müs­sen längst nicht im­mer Star­spie­ler sein. Es reicht, dass sie ein ho­hes Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­zi­al für den Ver­ein und die Re­gi­on bie­ten und sich über Jah­re hin­weg für die Mann­schaft en­ga­gie­ren und loy­al ver­hal­ten. 

Jan-Phil­ipp Kal­la vom FC St. Pau­li ist solch ein Typ. Er ist seit 2003 im Ver­ein und da­mit der dienst­äl­tes­te ak­ti­ve Spie­ler bei den Nord­deut­schen. Ohne dem sym­pa­thi­schen Ham­bur­ger zu nahe tre­ten zu wol­len, sind sei­ne Leis­tungs­da­ten über­schau­bar – doch die Lie­be der Fans ist ihm si­cher. Kal­las Ein­sät­ze fal­len seit ei­ni­gen Jah­ren ste­tig. In der Sai­son 2012/2013 galt er noch als Stamm­spie­ler und kam auf 26 Li­ga­spie­le. Die­se Zahl re­du­zier­te sich in den Fol­ge­jah­ren deut­lich: 23, 16, 15, 13 und 11 Spie­le in der ver­gan­ge­nen Spiel­zeit lau­tet die Bi­lanz.

Zah­len lü­gen nicht, doch sie ste­hen im Fall von Kal­la in kei­nem Zu­sam­men­hang zu sei­ner Be­liebt­heits­ska­la im Ver­ein. Es scheint fast, als wür­de je­des wei­te­re Jahr für den FC St. Pau­li sei­nen Markt­wert stei­gern – zu­min­dest un­ter der An­hän­ger­schaft der Braun-Wei­ßen. An­ders for­mu­liert: Der Name Kal­la er­scheint mit je­der Sai­son sel­te­ner auf der An­zei­ge­ta­fel, doch der Zu­satz­ti­tel „Fuß­ball­gott“ wird umso lau­ter von den Fans skan­diert. Kal­la ist Kult auf St. Pau­li, er steht für Be­stän­dig­keit und Ver­trau­en. Auch ohne Ti­tel. 

Kal­la ist nah bei den Fans, en­ga­giert sich in vie­len so­zia­len Pro­jek­ten und lehnt kei­nen Au­to­gramm­wunsch ab. Mal hilft er bei der Or­ga­ni­sa­ti­on ei­ner Klei­der­spen­de, mal be­dient er Ver­käu­fer des Stra­ßen­ma­ga­zins Hinz&Kunzt bei der Weih­nachts­fei­er, mal über­nimmt er eine so­zia­le Pa­ten­schaft. Ein be­son­de­res Zei­chen der Wert­schät­zung durch die Fans ist der Sti­cker „Kal­la your life“, der an vie­len Stel­len im Mill­ern­tor-Sta­di­on klebt.

Liebevoll gestaltete Sticker von Jan-Philipp Kalla vom FC St. Pauli © blocknachbarn-sanktpauli.de
Jan-Phil­ipp Kal­la als Sti­cker. © blocknachbarn-sanktpauli.de

Die wah­ren Fuß­ball­hel­den

Zu­sam­men­ge­fasst braucht es die gro­ße Büh­ne nicht, um ein wah­rer Fuß­ball­held zu wer­den. Ein­satz, Fleiß, Treue und Loya­li­tät rei­chen häu­fig aus, um als Ver­ein­si­dol zu gel­ten. Und wie sich am Bei­spiel von Ste­fan Kieß­ling zeigt, kann das der Grund­stein für eine Kar­rie­re nach der Kar­rie­re sein. Auch Jan-Phil­lip Kal­la – Spitz­na­me „Schne­cke“ – wur­de be­reits eine An­stel­lung im Ver­ein nach dem ak­ti­ven Kar­rie­re­en­de in Aus­sicht ge­stellt. Den Bei­na­men ver­dankt er sei­ner Mut­ter, weil er sich als Baby beim Schla­fen so nied­lich ein­roll­te.

Es sind sol­che Spie­ler­ty­pen und Ge­schich­ten, die die Fuß­ball­ro­man­tik am Le­ben er­hal­ten. Es braucht ver­eins­in­ter­ne Ga­li­ons­fi­gu­ren, die die Fans glau­ben las­sen, dass es sich auch im be­zahl­ten Fuß­ball noch um hö­he­re Wer­te als Ge­häl­ter, Spon­so­ren-Ein­nah­men, Ruhm und Ti­tel dreht – zu­min­dest manch­mal. Dass es so et­was tat­säch­lich noch gibt. Spie­ler wie Hec­tor, Schnat­te­rer, Kieß­ling und Kal­la. Oder auch Spie­ler wie Clau­dio Pi­zar­ro, die im­mer wie­der zu ih­rer gro­ßen Lie­be zu­rück­keh­ren. Die Fans sind dank­bar für sol­che Aus­nah­me­erschei­nun­gen. Und sie ho­no­rie­ren es in höchs­tem Maße. Mit Zu­nei­gung, Re­spekt und Be­wun­de­rung. Das sind die Zu­ta­ten, aus de­nen wah­re Fuß­ball­hel­den ent­ste­hen und Le­gen­den ge­bo­ren wer­den.