Ist das Po­li­tik

Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden.

Helmut Schmidt (1918 - 2015)

Der Traum vie­ler Jour­na­lis­tik-Stu­den­ten dürf­te sich äh­neln: Eine Fest­an­stel­lung als in­ves­ti­ga­ti­ver Re­dak­teur beim SPIEGEL, dem Flagg­schiff der deut­schen Me­di­en­land­schaft. Die­ses heh­re Ziel war zu­min­dest mei­ne Mo­ti­va­ti­on, als ich mich für Po­li­tik im Ne­ben­fach ent­schied. Zie­le än­dern sich im Lau­fe des Le­bens, aber das da­mals ge­weck­te Po­li­tik­in­ter­es­se hat auch heu­te noch Be­stand. Und so ver­fol­ge ich nach wie vor mit gro­ßer Neu­gier­de den Wahn­sinn des po­li­ti­schen Ta­ges­ge­sche­hens, der mir sel­ten ein La­chen und häu­fig Denk­fal­ten be­schert.

In mei­nem Blog the­ma­ti­sie­re ich po­li­ti­sche Er­eig­nis­se, die ich als be­son­ders ab­sto­ßend und skur­ril, aber auch po­si­tiv und hoff­nungs­voll ein­stu­fe. Ein Kan­di­dat für Po­li­tik­ver­dros­sen­heit bin auch nach vie­len auf­ge­deck­ten Skan­da­len nicht ge­wor­den. Be­son­ders span­nend fin­de ich po­li­ti­sche Lö­sungs­an­sät­ze hin­sicht­lich Fra­gen nach der so­zia­len Ge­rech­tig­keit – ein In­ter­es­se, das zu mei­nem Zweit­stu­di­um der So­zia­len Ar­beit führ­te. Mein Fo­kus liegt da­her auf so­zi­al­po­li­ti­schen The­men.

Die Briefwahl steht immer wieder in der Kritik. © Bundo Kim / Unsplash
Die Brief­wahl steht im­mer wie­der in der Kri­tik – zu Recht? © Bun­do Kim / Uns­plash

Die Brief­wahl als De­mo­kra­tie­ge­fähr­der?

Kurz vor der Wahl zum Eu­ro­päi­schen Par­la­ment hat der Bun­des­wahl­lei­ter Be­den­ken an der Ver­fas­sungs­kon­for­mi­tät der Brief­wahl ge­äu­ßert und da­mit eine De­bat­te aus­ge­löst. Ge­org Thiel sieht bei der Ab­stim­mung per Post den Grund­satz der Gleich­heit und Ge­heim­hal­tung ge­fähr­det. Die­se Kri­tik ist we­der neu noch un­ge­recht­fer­tigt, doch an­ge­sichts der heu­ti­gen mo­bi­len Ge­sell­schaft wirkt sie den­noch fehl am Platz. Zu­dem gäbe es weit­aus wich­ti­ge­re Wahl­the­men. 

Ge­org Thiel ist der Prä­si­dent des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts. Ein Mann also, der sich mit Zah­len aus­kennt. Und in Be­zug auf den pro­zen­tua­len An­teil von Brief­wäh­lern sind die Zah­len der letz­ten Jah­re aus sei­ner Sicht er­schre­ckend. Bei der Eu­ro­pa­wahl 2014 etwa hat­te rund ein Vier­tel der stimm­be­rech­tig­ten Wäh­ler per Brief ab­ge­stimmt. Bei der Wahl zum Bun­des­tag drei Jah­re spä­ter wa­ren es so­gar 28,6 Pro­zent. Thiel er­kennt in die­sem Pro­zess eine Ge­fahr, wie er ge­gen­über ver­schie­de­nen Me­di­en ge­äu­ßert hat.

Sinn und His­to­rie der Brief­wahl

Der Sinn der Brief­wahl be­steht dar­in, da­für zu sor­gen, dass je­der stimm­be­rech­tig­te Bür­ger an ei­ner Wahl teil­neh­men kann. Sa­lopp for­mu­liert sol­len durch die­se Mög­lich­keit alle Hin­der­nis­se aus dem Weg ge­räumt wer­den, die beim Gang zur Wahl­ur­ne be­stehen könn­ten. Dazu ge­hö­ren etwa kör­per­li­che Ge­bre­chen durch ein ho­hes Al­ter, eine Krank­heit oder schlicht die be­rufs- oder ur­laubs­be­ding­te Nicht-An­we­sen­heit am Wahl­tag. Aus die­sem Grund hat der Ge­setz­ge­ber 1957 die Brief­wahl in Deutsch­land ein­ge­führt.

Lan­ge Zeit wur­de so­gar eine glaub­haf­te Be­grün­dung für die Ent­schei­dung zur Brief­wahl ver­langt. Erst seit 2008 kön­nen Stimm­be­rech­tig­te ihr Wahl­recht per Brief aus­üben, ohne sich da­für „recht­fer­ti­gen“ zu müs­sen. Da die Be­an­tra­gung der Brief­wahl mitt­ler­wei­le on­line mög­lich ist, wur­de der Vor­gang wei­ter ver­ein­facht. Wohl nicht zu­letzt des­halb steigt der An­teil an Brief­wäh­lern ste­tig – und da­mit die Ma­ni­pu­la­ti­ons­ge­fahr, wie Thiel be­tont.

Knack­punkt: Grund­satz der Ge­heim­hal­tung

Ge­mäß Ar­ti­kel 38 des Grund­ge­set­zes wer­den Ab­ge­ord­ne­te „in all­ge­mei­ner, un­mit­tel­ba­rer, frei­er, glei­cher und ge­hei­mer Wahl“ ge­wählt. Bei ei­ner Brief­wahl ist der Grund­satz der Ge­heim­hal­tung und Frei­heit tat­säch­lich nicht zu ge­währ­leis­ten. So könn­ten Stimm­be­rech­tig­te zu Hau­se un­ter Druck ge­setzt wer­den, das Kreuz bei ei­ner be­stimm­ten Par­tei oder Per­son zu set­zen. Oder der Wahl­zet­tel wird di­rekt von ei­ner Per­son aus­ge­füllt, die Macht aus­üben kann.

Zwei Skan­dal­fäl­le von Wahl­ma­ni­pu­la­ti­on in der Ver­gan­gen­heit

Zwei Skan­dal­fäl­le die­ser Art wur­den in Deutsch­land in jün­ge­rer Zeit pu­blik: Bei der nie­der­säch­si­schen Kom­mu­nal­wahl 2016 in Qua­ken­brück hat­ten vier Po­li­ti­ker der Links­par­tei Wäh­ler mit ge­rin­gen Deutsch­kennt­nis­sen dazu ge­bracht, eine Brief­wahl zu be­an­tra­gen. Die Po­li­ti­ker füll­ten die Stimm­zet­tel teil­wei­se ei­gen­mäch­tig aus und fälsch­ten in ei­ni­gen Fäl­len auch die Un­ter­schrif­ten. Im ver­gan­ge­nen Jahr fand der Pro­zess statt, die Be­schul­dig­ten er­hiel­ten ver­schie­de­ne Be­wäh­rungs­stra­fen.

Ei­nen wei­te­ren Vor­fall gab es bei den Kom­mu­nal­wah­len 2014 in Sten­dal. Dort wur­den Brief­wahl­un­ter­la­gen ge­fälscht und Wahl­zet­tel von Drit­ten aus­ge­füllt. Doch auch die­ser Be­trug flog auf, ein CDU-Stadt­rat wur­de zu zwei­ein­halb Jah­ren Haft we­gen Wahl- und Ur­kun­den­fäl­schung ver­ur­teilt. Den­noch ist die von Thiel be­fürch­te­te Ma­ni­pu­la­ti­ons­ge­fahr durch­aus nach­voll­zieh­bar und nicht neu. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat sich mit die­sem Ri­si­ko be­reits vor rund sechs Jah­ren aus­ein­an­der­ge­setzt – und an­de­re Gü­ter als wich­ti­ger ein­ge­stuft.

Ver­fas­sungs­ge­richt be­stä­tigt Kon­for­mi­tät der Brief­wahl

In ei­nem Be­schluss vom 9. Juli 2013 hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­den, dass die Er­mög­li­chung der Brief­wahl (auch ohne An­ga­ben von Grün­den) ver­fas­sungs­kon­form ist. In der Be­grün­dung ist zu le­sen, dass die Rich­ter dem Grund­satz der All­ge­mein­heit ei­nen hö­he­ren Wert als dem Grund­satz der Ge­heim­hal­tung ein­räu­men. Das Ge­richt be­zieht sich da­bei „auf die zu­neh­men­de Mo­bi­li­tät in der heu­ti­gen Ge­sell­schaft und eine ver­stärk­te Hin­wen­dung zu in­di­vi­du­el­ler Le­bens­ge­stal­tung.“
 

Mit an­de­ren Wor­ten: Man muss den Men­schen zu­ge­ste­hen, dass sie nicht an ei­nem be­stimm­ten Tag zu Hau­se sein müs­sen, um ihr Wahl­recht aus­zu­üben. Ih­nen muss eine Al­ter­na­ti­ve an­ge­bo­ten wer­den – ohne die For­de­rung nach ei­nem trif­ti­gen Grund. Die Rich­ter ha­ben sich bei die­ser Ent­schei­dung „von dem Ziel lei­ten las­sen, eine mög­lichst um­fas­sen­de Wahl­be­tei­li­gung zu er­rei­chen.“ Die Pflicht zur Be­grün­dung der Brief­wahl hat­te sich nach Ein­schät­zung des Ge­richts „als prak­tisch nutz­los er­wie­sen, da eine auch nur stich­pro­ben­ar­ti­ge Prü­fung […] nicht mög­lich war.“

Gleich­heit der Wahl ge­fähr­det?

Das zwei­te Ar­gu­ment ge­gen eine Brief­wahl be­trifft den Grund­satz der Gleich­heit. Im Ge­setz ist vor­ge­se­hen, dass je­der Wäh­ler bei der Stimm­ab­ga­be den glei­chen Wis­sens­stand ha­ben kön­nen soll­te. Das ist bei der Brief­wahl nicht mög­lich: Wer sei­ne Stim­me früh ab­gibt, kann ak­tu­el­le Er­eig­nis­se nicht be­rück­sich­ti­gen. Ein ak­tu­el­les Bei­spiel da­für ist der Skan­dal um Heinz-Chris­ti­an Stra­che in Ös­ter­reich. Hät­ten die Brief­wäh­ler, die vor Be­kannt­wer­den des Skan­dals ihre Stim­me ab­ge­ge­ben ha­ben, am Wahl­tag eine an­de­re Ent­schei­dung ge­trof­fen?
 
Die­ses Ar­gu­ment be­zieht sich je­doch auf ein theo­re­ti­sches Kon­strukt mit zwei Grund­an­nah­men: Ers­tens be­schäf­ti­gen sich die Brief­wäh­ler tat­säch­lich mit der po­li­ti­schen Be­richt­erstat­tung und zwei­tens han­delt es sich da­bei über­wie­gend um Wech­sel­wäh­ler, de­ren Ent­schluss nicht schon lan­ge vor der Wahl fest­steht. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ging in sei­nem Be­schluss von 2013 nicht nä­her auf die­ses Ar­gu­ment ein, weil es im Ver­gleich zum Ge­heim­hal­tungs­grund­satz ver­nach­läs­sig­bar er­scheint. Brief­wäh­ler neh­men be­wusst in Kauf, auf kurz­fris­ti­ge In­for­ma­tio­nen zu ver­zich­ten.

Ma­ni­pu­la­ti­ons­ri­si­ko wird in Kauf ge­nom­men

Der Stand­punkt des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dürf­te sich folg­lich auch 2019 nicht ge­än­dert ha­ben: Zwar be­steht nach wie vor ein ge­wis­ses Ma­ni­pu­la­ti­ons­ri­si­ko bei der Brief­wahl, doch an­ge­sichts der schwin­den­den Be­reit­schaft zur Stimm­ab­ga­be im Wahl­lo­kal müss­te die­se Ge­fahr in Kauf ge­nom­men wer­den. Nur so ver­liert die Po­li­tik nicht noch mehr Wäh­ler und kann den Grund­satz der All­ge­mein­heit der Wahl er­hal­ten.
 

Pa­pier­tür­me ver­mei­den: Nach­hal­tig­keit im Blick

Was bei der Eu­ro­pa­wahl 2019 auf­ge­fal­len ist und fast schon ana­chro­nis­tisch wirkt, sind die Pa­pier­tür­me, die al­len Stimm­be­rech­tig­ten ins Haus flat­ter­ten. Wer die The­men Kli­ma­schutz und Nach­hal­tig­keit im Blick hat, dürf­te sich die Fra­ge stel­len: Wie­so exis­tiert bis­lang kei­ne Mög­lich­keit, sich die Wahl­in­for­ma­tio­nen on­line zu­schi­cken zu las­sen? In ei­ner Zeit, in der auch sen­si­ble Da­ten wie Kran­ken­schei­ne und Steuer­for­mu­la­re elek­tro­nisch über­mit­telt wer­den, wäre das ein lo­gi­scher Schritt.

Hät­ten Bür­ger per Zwei­fach- oder Drei­fach-Au­then­ti­fi­zie­rung die Mög­lich­keit, ei­nen Ha­ken bei „elek­tro­ni­scher Post“ be­züg­lich po­li­ti­scher In­for­ma­tio­nen zu set­zen, wäre das an­ge­sichts der di­cken Wahl­wäl­zer ein ers­ter Schritt zu ei­ner mo­der­ne­ren Wahl. Rund 400 Mil­lio­nen von Stimm­be­rech­tig­ten bei der Eu­ro­pa­wahl ver­spre­chen ein gro­ßes Po­ten­zi­al für die Res­sour­cen­scho­nung, von den vie­len na­tio­na­len und lo­ka­len Wah­len ganz zu schwei­gen. Jun­ge Grup­pie­run­gen wie die „Fri­days For Future“-Aktivisten wür­den die­se Mög­lich­keit si­cher be­grü­ßen.

Zu­kunfts­mu­sik: Orts­un­ab­hän­gi­ges Wäh­len

Eine zwei­te Fra­ge ist or­ga­ni­sa­to­risch schwie­ri­ger zu lö­sen, aber nicht un­mög­lich: War­um soll­te es in Zei­ten der fort­schrei­ten­den Di­gi­ta­li­sie­rung nicht mög­lich sein, sei­ne Stim­me an ei­nem be­lie­bi­gen Ort in­ner­halb des Hei­mat­lan­des (oder so­gar Eu­ro­pas) ab­zu­ge­ben? Das setzt eine stär­ke­re Ver­net­zung vor­aus und ist mo­men­tan noch Il­lu­si­on, doch vor al­lem jün­ge­re Ge­nera­tio­nen dürf­ten den bis­he­ri­gen Pro­zess in na­her Zu­kunft in Fra­ge stel­len. Gut, wenn die Po­li­tik dann schon Lö­sungs­an­sät­ze for­mu­lie­ren könn­te.

Info: So wird das Wahl­ge­heim­nis bei Brief­wah­len si­cher­ge­stellt

Das Wahl­ge­heim­nis bei Brief­wah­len wird si­cher­ge­stellt, in­dem die Brie­fe bis zum Ab­stim­mungs­tag un­ter Ver­schluss ge­hal­ten wer­den. Zu­dem müs­sen die Brief­wahl­be­zir­ke so groß ge­wählt wer­den, dass nicht er­kenn­bar ist, wie ein­zel­ne Wahl­be­rech­tig­te ab­ge­stimmt ha­ben.

Am Wahl­tag wer­den die Brie­fe ab etwa 15 Uhr ge­öff­net und es wird ge­prüft, ob der Wahl­schein und der ge­schlos­se­ne Stimm­zet­tel­um­schlag in Ord­nung sind. Dann wer­den sie von­ein­an­der ge­trennt, so­dass nie­mand her­aus­fin­den kann, wer wie ge­wählt hat. Die Stimm­zet­tel­um­schlä­ge lan­den an­schlie­ßend in ei­ner Wahl­ur­ne.

Mit Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le um 18 Uhr kommt ein Brief­wahl­vor­stand aus drei bis fünf Per­so­nen zu­sam­men, der die Urne öff­net und die Stim­men öf­fent­lich aus­zählt. Die Er­geb­nis­se der Brief­wahl sind so be­reits im vor­läu­fi­gen Er­geb­nis ent­hal­ten.

Sollte man sich mit reicheren Menschen vergleichen oder ist das die perfekte Anleitung zum Unglücklichsein? © Matt Lamers / Unsplash
Soll­te man sich mit rei­che­ren Men­schen ver­glei­chen? © Matt La­mers / Uns­plash

Ver­gleichst Du noch oder lebst Du schon?

Im Früh­jahr 2019 wur­de in Deutsch­land wie­der eine gro­ße Ge­rech­tig­keits­de­bat­te an­ge­sto­ßen. Aus­lö­ser war eine Stu­die der Fried­rich-Ebert-Stif­tung, in der die 402 Krei­se und kreis­frei­en Städ­te hin­sicht­lich ih­rer Le­bens­qua­li­tät un­ter­sucht wur­den. Grob zu­sam­men­ge­fasst gibt es ein Ost-Wes­t‑, stär­ker aber ein Nord-Süd-Ge­fäl­le. Am meis­ten ver­dient man in der Nähe von Mün­chen, am we­nigs­ten in Gel­sen­kir­chen. Un­ge­recht? Si­cher. Doch die Fra­ge ist stets, mit wem man sich ver­gleicht – und ob das über­haupt sinn­voll ist.

Das Be­son­de­re am so­ge­nann­ten So­zio­öko­no­mi­schen Dis­pa­ri­tä­ten­be­richt 2019 ist das De­sign der Stu­die: Ne­ben den gän­gi­gen Kri­te­ri­en wie Ein­kom­men und Al­ters­struk­tur wer­den auch Fak­to­ren wie der An­teil an Hoch­schul­ab­sol­ven­ten, die Ver­schul­dung der Kom­mu­ne, die In­ves­ti­tio­nen in die In­fra­struk­tur oder die Ent­fer­nung zum nächs­ten Haus­arzt be­rück­sich­tigt. Auf die­se Wei­se soll die Le­bens­qua­li­tät in ein­zel­nen Re­gio­nen und Städ­ten ab­ge­bil­det wer­den.

Stu­die: Ver­knüp­fung von zehn In­di­ka­to­ren

Ins­ge­samt ha­ben die Au­toren der Stu­die zehn In­di­ka­to­ren mit­ein­an­der ver­knüpft, aus de­nen sich fünf ver­schie­de­ne Mus­ter her­aus­le­sen le­sen. So wer­den dy­na­mi­sche Städ­te, ein star­kes Um­land, eine so­li­de Mit­te, be­nach­tei­lig­te länd­li­che Re­gio­nen und Städ­te in ei­ner per­ma­nen­ten Struk­tur­kri­se un­ter­schie­den. Durch die­se Her­an­ge­hens­wei­se er­gibt sich im Os­ten Deutsch­lands ein et­was am­bi­va­len­te­res Bild als üb­lich. So fin­det man ne­ben struk­tur­schwa­chen Räu­men auch zahl­rei­che wirt­schaft­lich pro­spe­rie­ren­de Städ­te wie Leip­zig, Dres­den, Mag­de­burg, Chem­nitz, Jena, Er­furt, Wei­mar, Schwe­rin und Ros­tock. Und um­ge­kehrt las­sen sich auch im Wes­ten struk­tur­schwa­che Städ­te wie Saar­brü­cken, Of­fen­bach am Main, Kai­sers­lau­tern, Worms, Trier, Bre­men und Bre­mer­ha­ven auf­spü­ren.

Ge­ball­te Le­bens­qua­li­tät im Sü­den: Geo­gra­fi­sche Un­ge­rech­tig­keit

Be­son­ders vie­le Re­gio­nen mit ho­her Le­bens­qua­li­tät be­fin­den sich der Stu­die zu­fol­ge in Bay­ern und Ba­den-Würt­tem­berg, wo­hin­ge­gen der Nor­den struk­tu­rell be­nach­tei­ligt scheint. Schlecht sieht es zu­dem tra­di­tio­nell im Ruhr­ge­biet aus. Städ­te wie Dort­mund, Bo­chum, Es­sen, Duis­burg und Gel­sen­kir­chen sta­gnie­ren im Struk­tur­wan­del. Die­ses Bild be­stä­tigt auch eine Stu­die des Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tuts (WSI) der ge­werk­schafts­na­hen Hans-Böck­ler-Stif­tung, in der das ver­füg­ba­re Jah­res­ein­kom­men von 2016 in den ver­schie­de­nen Städ­ten und Re­gio­nen ver­gli­chen wur­de.

Stärks­te Städte/Regionen

Land­kreis Starn­berg
34.987 € (ver­füg­bar. Jah­res­ein­kom­men 2016 im ø)
Stadt Heil­bronn
32.366 €
Hoch­tau­nus­kreis
31.612 €

Schwächs­te Städte/Regionen

Stadt Gel­sen­kir­chen
16.203 € (ver­füg­bar. Jah­res­ein­kom­men 2016 im ø)
Stadt Duis­burg
16.881 €
Stadt Hal­le (Saa­le)
17.218 €

Bei die­ser Durch­schnitts­be­rech­nung wird das ge­sam­te Ein­kom­men ei­ner Re­gi­on durch die Zahl der Ein­woh­ner ge­teilt, wo­durch sich sta­tis­ti­sche Ver­zer­run­gen er­ge­ben kön­nen. Le­ben bei­spiels­wei­se über­durch­schnitt­lich vie­le rei­che Men­schen in ei­ner Re­gi­on oder Stadt mit we­ni­gen Ein­woh­nern, kann das Durch­schnitts­ein­kom­men po­si­tiv ver­zerrt wer­den. In Ber­lin ist die­ser Ver­zer­rungs­ef­fekt auf­grund der ho­hen Ein­woh­ner­zahl deut­lich ge­rin­ger. Den­noch lässt sich an­hand die­ser Stu­die ab­lei­ten, dass be­züg­lich der Ein­kom­mens­hö­he und Le­bens­qua­li­tät eine geo­gra­fi­sche Un­ge­rech­tig­keit in Deutsch­land exis­tiert. SPIEGEL ONLINE hat die Da­ten in ei­ner in­ter­ak­ti­ven Gra­fik auf­be­rei­tet. 

Un­ge­rech­tig­keit zwi­schen den Bran­chen und Be­ru­fen

Ne­ben der geo­gra­fi­schen Un­ge­rech­tig­keit wird in re­gel­mä­ßi­gem Tur­nus auch die bran­chen­spe­zi­fi­sche Un­ge­rech­tig­keit an­ge­pran­gert. Ins­ge­samt ver­die­nen in Deutsch­land rund 3,3 Mil­lio­nen Men­schen in Voll­zeit un­ter 2.000 Euro brut­to. Be­son­ders Rei­ni­gungs­kräf­te und An­ge­stell­te in der Gas­tro­no­mie sind da­von be­trof­fen, der An­teil be­trägt laut SPIEGEL ONLINE 16 Pro­zent der Er­werbs­tä­ti­gen. In Meck­len­burg-Vor­pom­mern (32,6%) und Thü­rin­gen (30,2%) war die­ser An­teil am größ­ten, in Ba­den-Würt­tem­berg (11,4%) und Ham­burg (11,5%) am nied­rigs­ten. 

Aka­de­mi­ker ver­die­nen im Durch­schnitt deut­lich mehr, doch auch hier gibt es gro­ße Un­ter­schie­de beim Ein­stiegs­ge­halt. Dem Job-Por­tal Ab­sol­ven­ta zu­fol­ge liegt das jähr­li­che Brut­to­ge­halt 2019 bei Gra­fi­kern und De­si­gnern so­wie Sprach- und Kul­tur­wis­sen­schaft­lern bei „nur“ 41.000 Euro, wo­hin­ge­gen In­for­ma­ti­ker mit durch­schnitt­lich 54.000 Euro ein­stei­gen und Rechts­wis­sen­schaft­ler so­gar 59.000 Euro im ers­ten Jahr ver­die­nen.

Um das durch­schnitt­li­che Brut­to­ge­halt nach Be­ruf zu er­mit­teln, bie­tet sich der Ent­gel­t­at­las der Bun­des­agen­tur für Ar­beit an. Die Da­ten wer­den re­gel­mä­ßig ak­tua­li­siert und für je­des Bun­des­land aus­ge­ge­ben. Das funk­tio­niert für Be­ru­fe mit Ein­kom­men, die die Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze nicht über­schrei­ten, aus­ge­zeich­net. Da von den Ar­beit­ge­bern das so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Brut­to­ge­halt nur bis zu die­ser Ober­gren­ze (der­zeit 5.700 Euro) zu mel­den ist, wer­den hö­he­re Ein­kom­men nicht mehr er­fasst. Folg­lich muss man für Gut­ver­die­ner auf an­de­re Quel­len zu­rück­grei­fen, bei­spiels­wei­se auf Job­por­ta­le wie Ab­sol­ven­ta oder Sta­tis­tik­por­ta­le wie Sta­tis­ta. Da­durch stam­men die Zah­len für die Ein­kom­men von Be­rufs­grup­pen zwar aus un­ter­schied­li­chen Quel­len, doch ei­nen gro­ben Ein­blick zur Ori­en­tie­rung in Lohn­un­ter­schie­de ge­ben sie den­noch.

Me­di­zi­ner
6.893 € (Brut­to-Mo­nats­lohn im ø)
Busi­ness De­ve­lo­per
5.880 €
Wirt­schafts­in­ge­nieur
5.857 €
Ban­ker
5.753 €
Elek­tro­tech­ni­ker
5.750 €
Fri­seur
1.559 € (Brut­to-Mo­nats­lohn im ø)
Bä­cke­rei­fach­ver­käu­fer
1.718 €
Kell­ner
1.808 €
Call­cen­ter-Agent
1.929 €
Ge­bäu­de­rei­ni­ger
1.950 €

Un­ge­rech­tig­keit zwi­schen Män­nern und Frau­en

Dem On­line-Por­tal Sta­tis­ta zu­fol­ge lag der durch­schnitt­li­che Mo­nats­ver­dienst für Er­werbs­tä­ti­ge in Voll­zeit im Jahr 2017 bei 3.771 Euro brut­to, wo­bei Män­ner 3.964 Euro und Frau­en 3.330 Euro ver­dien­ten. An die­sen Zah­len lässt sich eine wei­te­re Un­ge­rech­tig­keit ab­le­sen: Der so­ge­nann­te Gen­der Pay Gap, also der Ver­dienst­ab­stand zwi­schen Män­nern und Frau­en bei glei­cher Tä­tig­keit und Ar­beits­zeit. Be­zieht man sich auf die Zah­len von Sta­tis­ta, be­trug die­ser Ab­stand 2017 „stol­ze“ 21 Pro­zent des Brut­to­ge­halts.

An­hand die­ser Zah­len lässt sich ab­lei­ten, dass Deutsch­land ein über­aus un­ge­rech­tes Land ist. Die Ein­kom­mens­hö­he rich­tet sich nach ei­ner geo­gra­fi­schen, ei­ner branchen‑, ei­ner be­rufs- und ei­ner ge­schlechts­spe­zi­fi­schen Di­men­si­on. Be­zö­ge man jetzt noch die Di­men­sio­nen „Bil­dung“ und „Her­kunft“ ein, wür­de sich ein sehr kom­ple­xes und in höchs­tem Maße un­ge­rech­tes Ab­bild der Wirk­lich­keit in Hin­blick auf eine wün­schens­wer­te Chan­cen­gleich­heit er­ge­ben. Dass die Po­li­tik ge­for­dert ist, für mehr Ge­rech­tig­keit zu sor­gen, steht au­ßer Fra­ge.

Die geo­gra­fi­sche Un­ge­rech­tig­keit wird in Ar­ti­keln häu­fig mit ei­ner un­ter­stell­ten hö­he­ren oder nied­ri­ge­ren Le­bens­qua­li­tät bzw. un­ter­schied­li­chen Le­bens­hal­tungs­kos­ten ab­ge­fe­dert. So ver­die­ne man in Ber­lin in vie­len Bran­chen grund­sätz­lich et­was we­ni­ger als bei­spiels­wei­se im Sü­den Deutsch­lands, weil dort Le­bens­mit­tel und Co. güns­ti­ger sei­en. Be­trach­tet man je­doch die stän­dig stei­gen­den Mie­ten in der Haupt­stadt, ist die­ses Ar­gu­ment höchst zwei­fel­haft. Und lie­ße sich be­züg­lich der bran­chen- und be­rufs­spe­zi­fi­schen Un­ge­rech­tig­keit noch der la­pi­da­re Spruch „Au­gen auf bei der Be­rufs­wahl“ ent­geg­nen – die Ge­halts­ta­bel­len sind kein Ge­heim­nis und für je­der­mann ein­seh­bar –, kann hin­sicht­lich der Un­ge­rech­tig­keit bei der Be­zah­lung von Män­nern und Frau­en kein ein­zi­ges ent­kräf­ti­gen­des Ar­gu­ment her­an­ge­zo­gen wer­den.

Ein­sei­ti­ges Ver­glei­chen macht un­glück­lich

Sol­che Zah­len kön­nen frus­trie­ren, Mil­lio­nen Ar­beit­neh­mer in Deutsch­land müs­sen sich beim Lohn­ver­gleich als Ver­lie­rer füh­len. Doch es gibt noch eine an­de­re Les­art – je nach­dem, wel­chen Blick­win­kel man ein­nimmt und wel­che Da­ten man zu­ra­te zieht. Denn ins­ge­samt be­trach­tet steigt das durch­schnitt­li­che Pro-Kopf-Ein­kom­men in Deutsch­land ste­tig. Heu­te ha­ben die Deut­schen dem Han­dels­blatt zu­fol­ge über zwölf Pro­zent mehr Geld auf ih­ren Kon­ten als noch im Jahr 2000. Die Fi­nanz­zei­tung be­zieht sich da­bei auf eine Stu­die des Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tuts der Hans-Böck­ler-Stif­tung.

Der Öko­nom Bra­ko Mi­la­no­vic hat in sei­nem 2012 er­schie­nen Buch „The Ha­ves and the Have-Nots“ be­rech­net, dass man 2005 be­reits mit ei­nem Jah­res­ver­dienst von 26.567 Euro (34.000 US-Dol­lar) zum reichs­ten ei­nen Pro­zent der Welt ge­hör­te. Fast die Hälf­te der Men­schen, die zu die­sem ei­nen Pro­zent ge­hör­ten, wa­ren US-Ame­ri­ka­ner (ca. 29 Mil­lio­nen). Auf Platz zwei folg­te be­reits Deutsch­land mit vier Mil­lio­nen Men­schen. Zur glo­ba­len Mit­tel­schicht durf­te man sich be­reits mit 956 Euro (1.225 US-Dol­lar) zäh­len – Jah­res­ge­halt. Na­tür­lich ist 2005 lan­ge vor­bei und sol­che Zah­len wir­ken leicht po­pu­lis­tisch, weil sie ei­ner­seits häu­fig nicht die je­wei­li­gen Le­bens­hal­tungs­kos­ten der Län­der und an­de­re Fak­to­ren be­rück­sich­ti­gen und man an­de­rer­seits ge­ne­rell die Me­tho­dik von Mi­la­no­vic kri­tisch un­ter­su­chen müss­te.

Doch auch neue­re Zah­len spre­chen da­für, dass die­se glo­ba­le Un­ge­rech­tig­keit in un­ver­schäm­tem Maß exis­tiert, ja so­gar zu­ge­nom­men hat. Die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Ox­fam kommt in ih­rem Be­richt „Pu­blic Good or Pri­va­te Wealth?“ vom Ja­nu­ar 2019 zu der Er­kennt­nis, dass die 26 reichs­ten Mil­li­ar­dä­re der Welt über das glei­che Ver­mö­gen wie die ärms­ten 50 Pro­zent der Men­schen (rund 3,8 Mil­li­ar­den) ver­fü­gen. Au­ßer­dem wird ex­em­pla­risch auf­ge­zeigt, wie die Sche­re zwi­schen Reich und Arm zu­neh­mend aus­ein­an­der klafft: Wäh­rend der Ama­zon-Grün­der Jeff Be­zos sein Ver­mö­gen im ver­gan­ge­nen Jahr ver­dop­peln konn­te, ver­lo­ren die Ärms­ten der Ar­men wei­te­re elf Pro­zent ih­res Be­sit­zes.

Glo­ba­ler Blick­win­kel: Deutsch­land ge­hört zu den Ge­win­nern

Die Fra­ge nach Ge­rech­tig­keit ist folg­lich un­trenn­bar ver­bun­den mit der Fra­ge nach der Per­spek­ti­ve. Zwei­fels­oh­ne gibt es in Deutsch­land vie­le so­zia­le Un­ge­rech­tig­kei­ten, die po­li­tisch be­kämpft und ein­ge­dämmt wer­den müs­sen. Die­se Auf­ga­be ge­hört ge­mein­sam mit den The­men Woh­nungs­bau, Kli­ma­schutz und Nach­hal­tig­keit ganz oben auf die Agen­da der Re­gie­rung. Und den­noch soll­te man sich be­wusst sein, wor­über man sich – ver­gli­chen mit dem Rest der Welt – be­klagt. Um nicht un­glück­lich zu wer­den. Und aus Re­spekt vor den vie­len Mil­li­ar­den Men­schen, die in ih­ren Le­ben nicht die Chan­ce hat­ten und nie­mals ha­ben wer­den, die Be­dürf­nis­py­ra­mi­de nach Ma­slow auch nur an­satz­wei­se zu er­klim­men. Das kann er­den und zu­frie­de­ner ma­chen. Zur Ver­an­schau­li­chung lohnt es sich, nicht nur die durch­schnitt­li­chen Ein­kom­men in Deutsch­land, son­dern welt­weit zu be­trach­ten:
Mo­na­co
126.516 € (Jah­res­ein­kom­men im Ø)
Liech­ten­stein
83.381 €
Ber­mu­da
79.919 €
Schweiz
71.816 €
Nor­we­gen
67.416 €
Deutsch­land (Platz 19)
38.683 €
Ma­da­gas­kar
354 € (Jah­res­ein­kom­men im Ø)
De­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik Kon­go
407 €
Af­gha­ni­stan
496 €
Äthio­pi­en
655 €
Ke­nia
1.292 €
Ban­gla­desch
1.301 €

Die Zah­len wer­den von ver­schie­de­nen In­sti­tu­tio­nen wie der Welt­bank, dem In­ter­na­tio­na­lem Wäh­rungs­fond oder der Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) jähr­lich neu be­rech­net. Auch hier gilt: Es gibt kein ein­heit­li­ches Ver­fah­ren, um Di­men­sio­nen wie In­fla­ti­on, Wäh­rungs­schwan­kung oder Kauf­kraft zu mes­sen. Die obi­ge Auf­lis­tung er­rech­net sich aus dem Quo­ti­en­ten des Brut­to­na­tio­nal­ein­kom­mens und der Ein­woh­ner­zahl des Lan­des. Die­se sta­tis­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se of­fen­bart Schwä­chen, doch der gro­be Über­blick dürf­te aus­rei­chen, um ein Ge­spür da­für zu ent­wi­ckeln, was geo­gra­fi­sche Un­gleich­heit glo­bal ge­se­hen be­deu­tet.

Un­ge­rech­tig­keit in­ner­halb Eu­ro­pas

Ar­beit­neh­mer in Deutsch­land müs­sen mit­nich­ten in arme asia­ti­sche und afri­ka­ni­sche Län­der schie­len, um sich reich zu füh­len. Es ge­nügt be­reits der Blick zu den eu­ro­päi­schen Nach­barn. Schon die Ita­lie­ner (27.600 Euro pro Jahr) und Spa­ni­er (24.033 Euro) ver­die­nen im Durch­schnitt deut­lich we­ni­ger, die Por­tu­gie­sen (17.642 Euro) nicht mal die Hälf­te. Und die Un­garn, Po­len und Kroa­ten er­wirt­schaf­ten so­gar nur rund ein knap­pes Drit­tel des durch­schnitt­lich in Deutsch­land er­ziel­ten Jah­res­ein­kom­mens. Da­bei lis­tet die Ein­kom­mens­ta­bel­le nur 77 Län­der auf, in de­nen of­fi­zi­el­le Zah­len be­reit­ge­stellt wer­den. Mit an­de­ren Wor­ten: In­sta­bi­le und um­kämpf­te Län­der ohne fes­te Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur wer­den gar nicht erst er­fasst. Das durch­schnitt­li­che Ein­kom­men in die­sen Län­dern dürf­te Wirt­schafts­ex­per­ten zu­fol­ge je­doch er­schre­ckend ge­ring sein.

Je­der Ar­beit­neh­mer in Deutsch­land hat das Recht, sei­nen Lohn zu ver­glei­chen und sich für mehr Lohn ein­zu­set­zen. Und je­der Mensch hat das Recht, sub­jek­tiv un­zu­frie­den zu sein, weil der Lohn nicht dem an­ge­nom­me­nen Ar­beits­wert ent­spricht. Doch be­vor man sich in zer­mür­ben­de Ge­dan­ken­spi­ra­len ver­tieft und ver­steift, die im schlech­tes­ten Fall zu per­ma­nen­tem Frust und ge­sund­heit­li­chen Schä­den füh­ren, könn­te man sich hin­ter­fra­gen, mit wem man sich – und ob über­haupt  ver­glei­chen möch­te. Um es im Sin­ne des fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Vol­taire zu for­mu­lie­ren: Da es sehr för­der­lich für die Ge­sund­heit ist, habe ich be­schlos­sen, glück­lich zu sein.